Das Oscars-Orakel 2025
Selten war das Rennen um die Oscars so spannend und vorab schon so kontrovers. Hier gebe ich meine Voraussagen und Tipps für den Filmpreis ab. Alles ohne Gewähr.
Am kommenden Sonntag, den 3. März, lässt sich im Dolby Theatre von Hollywood, Los Angeles wieder alles von der internationalen Filmbranche sehen, was Rang und Namen hat. Denn die Academy Awards alias die Oscarverleihung stehen zum mittlerweile 97. Mal an!
Auch wenn die Relevanz des Filmpreises durchaus hinterfragt werden darf, vor allem da nicht immer die wirklich besten Filme des Jahres berücksichtigt sind, macht es dennoch Spaß, das Event zu verfolgen. Für mich hat der Award einen “sportlichen” Charakter. Ich spekuliere gerne, welche Nominierungen die Nase vorn haben, wer überraschen könnte und wer womöglich leer ausgeht.
In diesem Jahr wird es besonders spannend, da in einigen Kategorien bisher keine eindeutigen Favorit*innen zu erkennen sind. Normalerweise kristallisieren sich diese in den vorangehenden Preisverleihungen wie dem SAG Award (gewählt durch die Schauspielergewerkschaft in den USA), dem BAFTA (dem britischen Oscar) oder den Golden Globes (dem belanglosen Oscar) heraus. Dieses Mal jedoch räumte niemand bei allen Awards gleichermaßen ab, weswegen es noch viel Spielraum für Spekulation gibt, wie die Academy entscheiden wird.
Daher möchte ich die Gunst der Stunde und meinen Blog dazu nutzen, für die Academy Awards 2025 meine Prognosen und Vermutungen zu ein paar ausgewählten Kategorien abzugeben. Wer darf am Ende des Abends in Hollywood mit einem Goldjungen nach Hause gehen? Erfahrt hier, wer aus meiner Sicht die glücklichen Gewinner*innen sein könnten.
Bester Film
Nominiert sind: “Anora”, “The Brutalist”, “A Complete Unknown”, “Conclave”, “Dune: Part Two”, “Emilia Pérez”, “Estou Ainda Aqui”, “Nickel Boys”, “The Substance”,”Wicked”
“Nickel Boys”, “A Complete Unknown”, “Estou Ainda Aqui” und “Wicked” habe ich nicht gesehen und kann dementsprechend nicht viel zu ihnen sagen. Von "Nickel Boys" habe ich während der gesamten Award-Saison nicht viel gehört oder gelesen. Das Bob-Dylan-Biopic “A Complete Unknown” sowie das Fantasy-Musical “Wicked” interessieren mich leider überhaupt nicht. Das brasilianische Historiendrama “Estou Ainda Aqui” läuft erst nach den Oscars in Deutschland an und ist außerdem noch für “Bester internationaler Film” nominiert. Dreien von ihnen rechne ich jedoch geringe Chancen ein, da sie bis auf “Wicked” kaum einen großen Hype vorab erlebten.
“Conclave” war für mich ein mittelmäßiger Politthriller, der nicht großartig auf sich aufmerksam macht, obwohl er ziemlich solide ist. Aber der Streifen über die Intrigen und Machtkämpfe während der Papstwahl hat für mich wenig Nennenswertes zu bieten (meine Bewertung: 5,5/10).
“Dune: Part Two” war episch, ein Augenschmaus und wird garantiert in einigen technischen Kategorien abräumen (ich tippe auf Sound und Spezialeffekte). Aber für den besten Film wird es bei der Fortsetzung von Frank Herberts legendärer Sci-Fi-Story nicht reichen, da es sich um einen Blockbuster und nicht um ein “anspruchsvolles” Werk handelt.
“Emilia Pérez” hat schon den Golden Globe für “Bester Film Comedy/Musical” gewonnen, und dabei sollte es hoffentlich auch bleiben. Das verwirrte und verwirrende Musical über einen transexuellen Kartell-Boss hat aus meiner Sicht nichts in dieser Kategorie verloren, aber anscheinend mochten einige Kritiker*innen und Business-Insider diesen Fehlschuss aus Frankreich. Wie “Estou Ainda Aquie”, ist auch “Emilia Pérez” in der Kategorie “Bester internationaler Film” vertreten, was bedeutet, dass die beiden diesen Preis unter sich ausmachen werden (wobei ich auf die Produktion aus Brasilien hoffe!).
Das großartige “Anora” ist mit seiner offenen Sexualität und seinem Blick auf die schmutzige Seite der Reichen und Schönen eher weniger für einen Gewinn prädestiniert. Trotz einiger Preise, die der Film schon vorab bekommen hat (u.a. “Bester Film” bei den Producers Guild of America Awards) halte ich das rauschhafte Drama für etwas zu verrucht für die Academy, wobei ich ihm den Sieg sehr gönnen würde
Meine zwei heißesten Favoriten heißen daher “The Brutalist” und “The Substance”. Beide Streifen waren in 2024 in ihrer Herangehensweise und ihrer Geschichte sehr verschieden, aber auch einzigartig. Das monumentale “The Brutalist” ist mit seinen zahlreichen Themen, großartigen Cast sowie einer rundum handwerklich formidablen Umsetzung ein klassischer Anwärter auf den besten Film.
Dennoch liegen meine Hoffnungen bei “The Substance”. Die Bodyhorror-Satire positioniert sich eindeutig feministisch, was ein Lieblingsthema bei den Oscars ist, und ist seit ihrer Veröffentlichung das Gesprächsthema des vergangen Filmjahres gewesen. Zudem hat “The Substance” bereits 78 Preise bei anderen Verleihungen abgeräumt, also könnte es durchaus klappen.
Beste Regie
Nominiert sind: Sean Baker für “Anora”, Brady Corbet für “The Brutalist”, James Mangold für “A Complete Unknown”, Jacques Audiard für “Emilia Pérez”, Coralie Fargeat für “The Substance”
James Mangold (“Walk the Line”) wird mit “A Complete Unknown” das gemacht haben, was er am besten kann: Solide bis sehr gut abliefern. Mangold ist meist eine sichere Bank, wenn es ums Erzählen einfacher Geschichten ohne viel Schnickschnack geht. Seine Filme setzen sich aber nie wirklich ab, außer eventuell die Comicverfilmung “Logan”, weswegen er auch dieses Mal leer ausgehen dürfte.
Zu Jacques Audiards (“Der Geschmack von Rost und Knochen”) habe ich bereits alles in meiner Kritik zu “Emilia Pérez” gesagt. Auch aufgrund der negativen Wahrnehmung um den Film denke und hoffe ich, dass der Franzose nicht gewinnt.
Meine drei Favorit*innen heißen daher Sean Baker, Brady Corbet und Coralie Fargeat. Corbet (“Vox Lux”) hätte es sich einfach für den Arbeitsaufwand bei “The Brutalist” verdient und da der Streifen wie aus einem Guss, wie seiner Vision entsprungen, wirkt. Fargeat (“Revenge”) hat bereits zurecht viel Aufmerksamkeit für "The Substance" bekommen und als einzige nominierte Frau wäre sie eine offensichtliche Wahl (die letzte Gewinnerin für “Beste Regie” war 2020 Chloé Zhao für “Nomadland”). Mein Tipp ist aber Sean Baker (“Red Rocket”), der schon seit Jahren im Dunstkreis der Academy bekannt ist und bereits als Gewinner innerhalb seiner Gewerkschaft, der Directors Guild of America, hervorging.
Bester Hauptdarsteller
Nominiert sind: Adrien Brody in “The Brutalist” als László Tóth, Timothée Chalamet in “A Complete Unknown” als Bob Dylan, Colman Domingo in “Sing Sing” als John "Divine G" Whitfield, Ralph Fiennes in “Conclave” als Kardinal Thomas Lawrence, Sebastian Stan in “The Apprentice” als Donald Trump
Colman Domingo (“Rustin”) kann ich nicht beurteilen, da ich “Sing Sing” noch nicht gesehen habe.
Gleiches gilt für Timothée Chalamet (“Call Me By Your Name”), wobei der US-Amerikaner mit französischen Wurzeln eine starke Kampagne gefahren hat und auf sich medial aufmerksam machen konnte. Hinzu kommen auch andere Preise, die Chalamet bereits vor den Oscars einheimste, weswegen mit ihm eventuell noch zu rechnen ist.
Ralph Fiennes (“In Bruges“) lieferte eine starke Performance in “Conclave” ab, die aber aus meiner Sicht nicht wirklich Neues zu bieten hatte. Für mich ist Fiennes zwar ein Außenseiter, dennoch freue ich mich, dass der talentierte Brite wieder etwas Anerkennung bekommt.
Sebastian Stan ist trotz einer guten Darbietung in “The Apprentice” (meine Bewertung: 5,5/10) für den falschen Film nominiert. Obwohl es ihm gelingt, Donald Trump einfühlsam zu spielen und keine Karikatur aus dem Reality-TV-Star zu machen (was nicht hätte einfacher sein können), war seine Leistung in “A Different Man” für mich viel besser, da nuancierter. Zumal er in der absurden Komödie eine Figur selbst entwickelte, anstatt sich an einem echten Menschen zu orientieren.
Mein Gewinner in dieser Kategorie heißt daher: Adrien Brody! Schon 2002 gewann der gebürtige New Yorker den Preis als bester Hauptdarsteller für “The Pianist”, ein Historiendrama, in dem er ebenso einen komplexen Künstler jüdischer Herkunft spielte. In einer ähnlichen Rolle, die ebenfalls viel von ihm abverlangte, zeigte Brody erneut, dass er zu den wandlungsfähigsten und engagiertesten Darstellern seiner Zunft gehört. Daher denke ich, sollte der zweite Oscar seiner Karriere gesichert sein.
Beste Hauptdarstellerin
Nominiert sind: Cynthia Erivo in “Wicked” als Elphaba Thropp, Karla Sofía Gascón in “Emilia Pérez” als Emilia Pérez/ Juan "Manitas" Del Monte, Mikey Madison in “Anora” als Anora "Ani" Mikheeva, Demi Moore in “The Substance” als Elisabeth Sparkle, Fernanda Torres in “Estou Ainda Aqui” als Eunice Paiva
Cynthia Erivo (“Bad Times At the El Royal”) sowie Fernanda Torres (“Casa de Areia”) muss ich aus meiner Prognose auslassen, da ich ihre Performances respektive ihre Filme nicht gesehen habe. Jedoch würde ich beiden nicht allzu große Chancen einräumen, da Erivo und Torres bisher der Bekanntheitsgrad fehlt.
Karla Sofiá Gascón (“Nosotros, los Nobles") sollte sich aufgrund ihrer Twitter-Tirade selbst aus dem Rennen genommen haben. Zum Glück, denn in keinem Fall hätte sie die Trophäe mit ihrer mittelmäßigen Darstellung verdient.
Bleiben also nur noch zwei absolute Weltklasse-Performances, die eigentlich beide dem Preis würdig wären.
Mikey Madison (“Once Upon A Time In Hollywood”) trug “Anora” mehr oder weniger auf ihren Schultern und zahlreiche Preise aus der Filmbranche (u.a. ein BAFTA und ein Independent Spirit Award) zeugen davon, dass die Fünfundzwanzigjährige in der Rolle als vorlaute und verletzliche Sex-Workerin ihr Talent unter Beweis stellte.
Ich sage, es wird knapp werden, aber am Ende heißt die glückliche Gewinnerin: Demi Moore (“G.I. Jane”)! Als gefallenes Hollywood-Sternchen Elizabeth Sparkle in “The Substance” gab Moore ein bombastisches Comeback, das außerdem viele Bezüge zu ihrer eigenen Karriere aufwies. In den 80er und 90er Jahren als Sexsymbol gefeiert, verschwand die Schauspielerin eine Zeit lang von der Bildfläche, nur um 2024 mit jeder Menge Wut im Bauch und Mut zur Hässlichkeit besser denn je wieder aufzutauchen. Moores Name in der Industrie, die Tragweite ihrer Figur und ihre Leistung selbst machen sie für mich zur Favoritin auf den “Beste Hauptdarstellerin”-Oscar.
Bester Nebendarsteller
Nominiert sind: Juri Borissow in “Anora” als Igor, Kieran Culkin in “A Real Pain” als Benji Kaplan, Edward Norton in “A Complete Unknown” als Pete Seeger, Guy Pearce in “The Brutalist” als Harrison Lee Van Buren Sr., Jeremy Strong in “The Apprentice” als Roy Cohn
Edward Norton (“Birdman”) muss ich als einzigen Darsteller auslassen. Wobei ich ihm eh geringe Chancen gegeben hätte, da dem so talentierten Norton ein Ruf als notorisch schwieriger Mensch vorauseilt. Die Zeiten, in denen die Eigenbrötler belohnt wurden, sind in Hollywood vorbei.
Juri Borissow (“AK-47”) ist neben Madison ein Highlight in “Anora”, und in der Rolle des Igors zeigte der Russe eine große Bandbreite an Emotionen. Bei dem im Westen bisher unbekannten Mimen wird es aber trotz einer einfühlsamen Performance noch nicht für den Oscar reichen. Dennoch darf man davon ausgehen, dass sich Borrisow über mehr Bekanntheit und Rollen in Hollywood freuen darf.
Jeremy Strong (“Succession”) war geradezu eine Offenbarung in “The Apprentice”. Der akribische Method-Actor stach in einem eher mittelmäßig bis guten Film heraus. Den zwielichtigen Anwalt und Trump-Mentor erweckte Strong so überzeugend zum Leben, dass selbst ehemalige Wegbegleiter wie Roger Stone die Darbietung lobten. Jedoch ist die Figur Roy Cohn zu belastet und Strongs intensive Arbeitsweise, unter denen Kolleg*innen auch mal leiden können, ein wenig kontrovers, weswegen der Emmy-Preisträger bei den Oscars wohl leer ausgehen wird.
Guy Pearce (“Memento”) hat mit “The Brutalist” seine bisher einzige Oscarnominierung bekommen, wenn man sich das vorstellen kann. Seit den 90er Jahren überzeugt der Australier in fast jeder Rolle, die er verkörpert, weshalb es endlich Zeit für die jetzige Beachtung wurde. Auch wenn Pearce mein persönlicher Wunschkandidat ist, wird er wohl leider nicht gewinnen, denn die Vorzeichen sprechen eine klare Sprache.
Kieran Culkin (“Succession”) wird aller Voraussicht nach als Sieger nach Hause gehen. Seine Darbietung in der Tragikomödie “A Real Pain” (meine Bewertung: 6/10) ist authentisch, vielschichtig und trägt das Regie-Debüt von Jesse Eisenberg (“The Social Network”). Hätte ich ihm dafür den Oscar gegeben? Bei der starken Konkurrenz mit Jeremy Strong und Guy Pearce nicht. Jedoch hat Culkin aufgrund seines Ansehens in der Industrie und seinem Lauf bei allen anderen Awards den Oscar so gut wie in der Tasche.
Beste Nebendarstellerin
Nominiert sind: Monica Barbaro in “A Complete Unknown” als Joan Baez, Ariana Grande in “Wicked” als Galinda "Glinda" Upland, Felicity Jones in “The Brutalist” als Erzsébet Tóth, Isabella Rossellini in “Conclave” als Schwester Agnes, Zoe Saldaña in “Emilia Pérez” als Rita Mora Castro
Monica Barbaro (“Top Gun: Maverick”) und Ariana Grande (“Don’t Look Up”) kann ich beide nicht beurteilen. Barbaro hatte auch erst vor wenigen Jahren mit der Fortsetzung zu “Top Gun” ihren Durchbruch, weshalb ich ihre Chanen eher gering halte. Grande hingegen ist durch ihren Zweitjob als Popsängerin mehr als bekannt, aber letztendlich fehlt ihr doch das Ansehen in Sachen Schauspielerei.
Isabella Rossellini (“Wild at Heart”) ist dank ihrer langen Karriere eine Legende, aber in “Conclave” stach sie für mich nicht unbedingt heraus. Ihre Leistung als Nonne war zwar überzeugend, aber wie alles andere in dem Film kam sie mir gestellt und artifiziell vor. Rossellini hat da schon in anderen Rollen mehr geglänzt.
Felicity Jones (“The Theory of Everything”) war es in “The Brutalist” anzumerken, wie sehr sie ihr Schauspielpartner Adrien Brody zur Höchstform gepusht hat. Und auch wenn sie nicht ganz mit Brody mithalten konnte, war ihrer Figur Erzsébet jeder Schmerz und jedes Trauma anzusehen. Im Normalfall würde ich Jones ganz vorne sehen.
Jedoch wird die Siegerin in dieser Kategorie wohl Zoe Saldaña (“Guardians of the Galaxy”) heißen. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen in “Emilia Pérez” stach die US-Amerikanerin mit dominikanischen Wurzeln heraus und gab sich reichlich Mühe, das Niveau des irrigen Musicals anzuheben. Zudem hat Saldaña bereits einige Preise für ihre Rolle als singende und tanzende Anwältin abgeräumt, weswegen ihr Sieg nur reine Formsache sein sollte.
Bestes Originaldrehbuch
Nominiert sind: Sean Baker für “Anora”, Brady Corbet und Mona Fastvold für “The Brutalist”, Jesse Eisenberg für “A Real Pain”, Moritz Binder und Tim Fehlbaum für “September 5”, Coralie Fargeat für “The Substance”
Auslassen muss ich hier “September 5”. Das Drama um den Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 in München sah vom Trailer her sehr spannend, aber auch ein wenig nach Standard aus. Dass mit Tim Fehlbaum (“Hell”) und Moritz Binder (“Tatort: Dreams”) ein bisher unbekanntes, deutschsprachiges Duo nominiert ist, steigert auch nicht unbedingt die Gewinnchancen.
Bisher war Jesse Eisenberg eher für seine Leistungen vor der Kamera bekannt. Jetzt traut sich der Schauspieler auch die Rolle des Auteurs zu, denn mit “A Real Pain” gab er seinen Einstand als Regisseur sowie Drehbuchautor. Die Tragikomödie über zwei Cousins, die in Polen nach ihren jüdischen Wurzeln suchen, hatte viel Herz und Humor, riss aber keine Bäume aus. Wenn Eisenberg so weiter macht und noch mehr lernt, wird es bestimmt für einen Drehbuch-Oscar reichen – jetzt allerdings noch nicht.
Zwischen den anderen Kandidat*innen wird es ein harter Kampf, denn alle vier Nominierten haben glanzvolle Arbeiten abgeliefert.
Brady Corbet und Mona Fastvold bauten mit ihrem Drehbuch zu “The Brutalist” das Fundament, auf dem ihr epochales Werk Fuß fasst. Die Geschichte steckt voller tiefgehenden Themen, die politisch, gesellschaftlich und persönlich sind. Ein Sieg des Paares würde mich nicht wundern.
Coralie Fargeats Drehbuch für “The Substance” ist eine rotzfreche Abrechnung mit der Unterhaltungsindustrie und das Frauenbild in einer von Männern dominierten Welt. Die Stärke ihrer Arbeit steckt vor allen Dingen in der herrlich unsubtilen Art, die im Film umgesetzt einen geradewegs mit dem Vorschlaghammer um die Ohren haut.
Sean Bakers Skript für “Anora” sprudelt nur so voller frecher Sprache, witzigen bis tragischen Humor und Authentizität. Und auch die “Writers Guild of America” bedachte Baker bereits mit einem Preis für sein Drehbuch, was ihn zum Favoriten machen sollte.
Dennoch wird es knapp zwischen den letztgenannten Autoren und der Autorin werden, wobei ich mich über einen Sieg von allen sehr freuen würde. Auf eine Tendenz kann ich mich aber nicht eindeutig festlegen.
Bester Originalsoundtrack
Nominiert sind: Daniel Blumberg für “The Brutalist”, Volker Bertelmann für “Conclave”, Clément Ducol und Camille für “Emilia Pérez”, John Powell und Stephen Schwartz für “Wicked”, Kris Bowers für “The Wild Robot”
“Wicked” und “The Wild Robot” bekommen von mir keine Einschätzung. Sicherlich könnte ich mir die Soundtracks gelöst von den Filmen anhören, was aber dem Gesamteindruck mit den Bildern nicht gerecht werden würde.
Mein Aufreger in dieser Kategorie ist außerdem, dass Trent Reznor und Atticus Ross keine Beachtung für “Challengers” bekommen haben, obwohl das Duo einen Golden Globe für ihren wummernden Techno-Soundtrack gewann. Eventuell wollte die Academy keine offensichtliche Wahl treffen, oder vielleicht war man der Meinung, dass Reznor und Ross schon genug Preise im Regal zu stehen haben (für “The Social Network” und “Soul” wurden sie bereits ausgezeichnet). Auch über eine Nominierung für Rafferties verstörend pumpenden Score zu “The Substance” hätte ich mich gefreut. Aber wahrscheinlich ist der britische Electro-Musiker ein zu unbeschriebenes Blatt für die Hollywood-Elite.
Clément Ducol und Camille haben für “Emilia Pérez” keine herausragende Musik geschrieben, die mir auch nicht im Ohr blieb. Da ich grundsätzlich kein Fan von Musical-Nummern bin und ich mich schon an anderer Stelle über diesen belanglosen Soundtrack ausgelassen habe, möchte ich hierzu keine weiteren Worte verlieren.
Volker Bertelmann unterlegte schon “Im Westen nichts Neues” für Edward Berger, wobei ich die Musik zu “Conclave” deutlich besser finde. Warum Bertelsmann 2023 für Ersteren ausgezeichnet wurde, ist mir bis heute ein Rätsel. Der düstere Sound, den der Komponist mit Instrumenten aus der Epoche des Ersten Weltkriegs einspielte, war für mich zu aufdringlich und im Vordergrund, als dass ich ihn als passend zum Film befunden hätte. In “Conclave” verlässt sich Bertelsmann auf klassische Streicher, die im Stile von Vivaldi aufgeregt die Szenerie unterlegen. Das ist zwar nicht sehr innovativ, passt aber zu der Atmosphäre sowie den renaissancistischen Fresken des Vatikans.
Meine Hoffnungen liegen aber auf Daniel Blumberg (“The World to Come”), der für “The Brutalist” genau den richtigen Ton traf. Epochal und mächtig kommt die gewaltige Instrumentierung von Blumberg rüber, die sich sogleich an den dazugehörigen Bildern und Szenerien anschließt. Nicht weniger ausschweifend wie der Film, läuft auch der Soundtrack von “The Brutalist” auf eine Stunde und 21 Minuten und lässt sich ideal während der Erledigungen von Arbeiten nebenher weghören. Hoffentlich verringern die Ähnlichkeiten des Leitmotifs zur Erkennungsmelodie der Channel Ten Australia News nicht Blumbergs Siegeschancen.
Beste Kamera
Nominiert sind: Lol Crawley für “The Brutalist”, Greig Fraser für “Dune: Part Two”, Paul Guilhaume für “Emilia Pérez”, Ed Lachman für “Maria”, Jarin Blaschke für “Nosferatu”
Hier kann ich Edward Lachmanns (“El Conde”) Leistung für “Maria” nicht berücksichtigen, da ich den Film nicht gesehen habe und auch sonst wenig über Lachmanns andere Werke sagen kann.
Paul Guilhaume lieferte für “Emilia Pérez” eine kompetente, aber keine besondere Kameraarbeit ab. Die Kontraste sind da, es gibt ein paar interessante Fahrten, aber das war es auch schon. Kein Shot brannte sich mir ins Gedächtnis oder war besonders kreativ für das Genre. An Guilhaumes Stelle hätte ich hier viel lieber Sayombhu Mukdeeprom (“Call Me By Your Name”) gesehen, der in “Challengers” mit rasanten Schwenks und Kamerabewegungen die Essenz des Beziehungsdramas visuell ausdrückte.
Greig Fraser (“The Batman”) weiß, wie man bombastische Bilder mit der Kamera aufnimmt, und dies bewies der Australier mit “Dune: Part Two”. Ob epische Schlachtszenen in den endlosen Wüsten von Arrakis oder der lebensnahe Ritt auf dem Sandwurm von Held Paul Atreidis (Timothée Charlamet), Fraser zeigte ein gutes Gespür für die richtige Einstellung und die passende Linse für den Augenblick. Ein Sieg von Greig Fraser wäre keine Überraschung, aber meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich.
Aus meiner Sicht waren Lol Crawley (“The Humans”) mit “The Brutalist” und Jarin Blaschke (“The Lighthouse”) mit “Nosferatu” die Musterschüler des Jahres 2024. Beide Kameramänner verstanden bestens, die Vorgaben ihrer Regisseure umzusetzen und die Atmosphäre ihrer Geschichten auf Zelluloid zu bannen.
In “The Brutalist” nutzte Crawley viel Raum, um den gebrochenen Architekten Laszló und sein Bauprojekt zu visualisieren, wobei er dabei präzise wie ein Bauingenieur vorging. Jeder Shot, jede Kamerabewegung und jedes Blocking spricht direkt aus der Seele der Protagonist*innen und greift das Thema des Brutalismus und dessen Bedeutung perfekt auf.
Blaschke hingegen verstand es, den Gothic-Horror des Vampirfilms darzustellen. Dunkelheit und tiefe Schatten sind die Motive, denen sich Regisseur Robert Eggers (“The VVitch”) Kameramann der ersten Stunde verschrieben hat. Gleichzeitig weiß Blaschke, eine beklemmende, gar klaustrophobische Stimmung in Bildern zu erzeugen, die uns an der Ausweglosigkeit und dem Grauen von “Nosferatu” teilhaben lässt. Da es sich hierbei um Laschkes zweite Nominierung handelt, und er schon den Critics Choice Award für dieses Werk gewann, sehe ich leichte Vorteile bei dem gebürtigen Kalifornier.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen