Kritik: "The Substance" – Wo der Wahn im Schönheitswahn steckt

Die bitterböse Body-Horror-Satire ist nicht nur ein fulminantes Comeback für Demi Moore, sondern auch eine geniale Abrechnung mit dem weiblichen Schönheitsideal. Filmfans mit starken Magen kommen hier voll auf ihre Kosten!


“Sometimes when I watch TV I stop being myself. I'm a star, I have my own talk show, or I'm on the news getting out of a limo. All I ever have to do is be famous. People watch me, and they love me, I will never grow old, and never die.” So schallte es einst in John Carpenters “They Live!” aus einem Fernsehgerät auf den Protagonisten ein. Was in dem Sci-Fi-Horrorfilm von 1988 noch als eine Gehirnwäsche einer geheimen Machtelite gedacht war, ist heute leider Realität geworden. 


Durch Reality-TV, Hollywoodfilme und Social Media ist der Druck, den Traum vom großen Ruhm, Anerkennung und damit “ewigen Leben” zu erreichen, größer denn je. Und hauptsächlich ist es das Aussehen, das als Mittel zum Zweck diesen Traum erfüllen soll. Besonders das weibliche Geschlecht leidet nach wie vor darunter, den Erfolg und die Anerkennung nur dank ihrem Äußeren erlangen zu können. Was dies anrichten kann, ist bei zahlreichen Models, Influencerinnen oder auch Popmusikerinnen gut dokumentiert.


In ihrer ersten amerikanischen Filmproduktion rechnet die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Coralie Fargeat (“Revenge”) gnadenlos mit dem Schönheitswahn in der Unterhaltungsbranche ab. “The Substance”, so der Name ihres Werks, ist nicht nur unterhaltsam und überzeugt auf jeder Linie, sondern ist auch ein genialer Bodyhorrorfilm, bei dem selbst David Cronenberg neidisch werden würde. Wer hier wegsieht, ist selber schuld!



Wer schön sein will, muss doppelt leiden


Zum Plot: Elizabeth Sparkle (Demi Moore) ist ein ehemaliger Film- und Fernsehstar, der trotz einer beachtlichen Karriere ihre beste Zeit hinter sich hat. Als ihre Aerobic-Show sie aufgrund ihres fortschreitenden Alters feuert, geht Elizabeth ein waghalsiges Experiment ein. Mittels einer mysteriösen Schönheitsdroge genannt “The Substance”, erschafft sie ein “besseres Ich” von sich selbst, das auf den Namen Sue (Margaret Qualley) hört. 


Allzu viele Details über die Handlung von “The Substance” möchte ich an dieser Stelle nicht preisgeben, da ein Großteil des Spaßes an dem Film ist, nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Denn der Streifen schafft es, mit jeder neuen Szene weiter zu eskalieren, was sich letztendlich in einem fulminanten Finale entlädt. Auf dem Weg dahin gibt es außerdem noch viele Absurditäten und originelle Einfälle zu entdecken, sodass ich die Laufzeit von 140 Minuten überhaupt nicht bemerkt habe. 


Was “The Substance” wohl größte Stärke ist, ist Fargeats gekonnte Entwicklung und Ausdifferenzierung einer Welt, die unserer sehr ähnlich und doch verschieden ist. Die Regisseurin lässt ihre Satire in einer überhöhten Realität spielen, die sich zwischen Traum und Wirklichkeit bewegt. Hierbei lassen sich Anklänge von David Lynch, Terry Gilliam und sogar Stanley Kubrick finden. Etwa der Prozess der Einnahme der Droge sowie der Erhalt des Alter-Egos wird so wundervoll komplex und detailliert dargestellt, dass er trotz seiner Fremdartigkeit nicht unplausibel wirkt und dieses Horror-Hollywood zugänglich macht.  


Der wagemutige Balanceakt zwischen Realität und Fantasie gelingt Fargeat voll und ganz, und man merkt es dem Streifen an, der Vision einer einzigen Person entsprungen zu sein. Diese mag vielleicht nicht jeder teilen, aber wenn man sich beim Zuschauen darauf einlässt, ist eine der wildesten Fahrten im Kino der jüngeren Filmgeschichte garantiert. “The Substance” dreht mit jeder Minute weiter auf und lässt einen bis zur letzten Einstellung nicht los. Wie die Protagonistin machte es mich geradezu gierig danach, noch mehr von diesem Erlebnis einzusaugen. 



Rundherum eine wahre Schönheit


Auch jenseits der Erzählung selbst zeigt sich “The Substance” von seinen schönsten filmischen Seiten. Zunächst seien hierbei die großartigen Darsteller:innen erwähnt. Die viel zu oft unterschätzte Demi Moore (“A Few Good Men”) gibt eine Darbietung, die absolut Oscar-würdig ist. Mit viel Hingabe und Empathie spielt sie die verbitterte und vereinsamte Elizabeth, in der wir uns trotz mangelnder Hintergrundinfos über ihr früheres Leben sofort reinversetzen können. Eventuell konnte Moore auch ihre eigenen Erfahrungen im Hollywoodsystem für diese Rolle einfließen lassen, weiß doch die 61-Jährige darüber zu berichten, wie sie häufig nur wegen ihres Aussehens in Filmen gecastet wurde. 


Auf der anderen Seite steht Margaret Qualley (“The Leftovers”), die Elizabeths Alter-Ego Sue mimt. Ihre Wesenszüge bilden das komplette Gegenteil von Moores Figur. Statt voller Verbittertheit und einem erkennbar zerkratzten Selbstbewusstsein zu sein, gibt sich Sue als das ständig lächelnde Glamour-Girl, das fröhlich und leichtfüßig durch eine Welt spaziert, die ihr dank ihres Äußeren sämtliche Türen öffnet. Während sich der Konflikt zwischen den beiden Persönlichkeiten immer weiter steigert, zeigt auch die junge Schönheit auf einmal ihre hässlichen Seiten, die den unnachgiebigen Konkurrenzkampf der Frauen im Entertainment perfekt widerspiegeln.


Selbstverständlich darf hier auch nicht Dennis Quaid (“The Day After Tomorrow”) vergessen werden, der den schmierigen Fernsehproduzenten Harvey darstellt. In auffälligen modischen Entgleisungen gekleidet, haut Quaid in dieser Figur eine sexistische und vulgäre Bemerkung nach der anderen raus, die dank seiner energetischen passiv-aggressiven Art mit jeder Silbe sitzen. Die Rolle scheint Quaid wie aus dem Leib geschneidert, obwohl er eigentlich den vor den Dreharbeiten verstorbenen Ray Liotta (“Goodfellas”) ersetzte. 


Auch die anderen Mitglieder von Fargeats Team erbrachten ihre absolute Bestleistung, um die Vision der Französin auf die Leinwand zu bringen. Kameramann Benjamin Kracun (“Promising Young Women”) versteht es, die uns bekannte Umgebung der kalifornischen Traumfabrik zu verfremden und uns ihre dreckigen Seiten zu zeigen. Jede Einstellung und jedes Blocking ist perfekt gesetzt und erzählt uns visuell alles, was wir wissen müssen. Hinzu kommt Fargeats und Kracuns Spiel mit dem sogenannten “Male Gaze”, der von männlichen Filmemachern sexualisierten Darstellung von Frauen in Filmen. Bewusst verbleibt die Kamera auf die reizvollen Körperteile der vor allem jungen Schauspielerinnen, nur um sie kurz danach mit abstoßenden Bildern zu konterkarieren. Ein energetischer Schnitt, der genau weiß, wie lange er auf einer Einstellung zu bleiben hat, trägt sein Übriges dazu bei, dass “The Substance” nicht nur ein Augenschmaus ist, sondern auch visuell seinen Standpunkt klarmacht. 


Make-Up, Kostüme und Szenenbild landen ebenso ihre Punktlandungen, wobei ich nicht allzu viel dazu verraten möchte. Besonders hervorheben möchte ich aber den Ton, der neben Visuellen und den Darstellungen zu den Highlights in “The Substance” gehört. Jeder organische Ton, den lebendige oder tote Körper von sich geben können, werden so laut in den Vordergrund gebracht, dass schon beim Zuhören ein mulmiges Gefühl in der Magengegend hochkommt. Hinzu kommen allerlei feine akustische Verfremdungen, die die Grenzen zwischen Realität und Fantasie vermischen. 


Nicht zu vergessen ist auch der Soundtrack, der dem Kopf des Electronica-Musikers Raffertie entsprang. Dessen Album “Sleep of Reason” gehörte zu meinen Favoriten des Jahres 2013, wobei es danach etwas still um den Briten wurde. Dass ihn nun Fargeat für so einen großartigen Streifen angeheuert hat, wertet für mich diesen Film umso mehr auf. In bassigen, elektronischen Klängen wird die absonderliche Transformation von Elizabeth Sparkle verstörend vertont. 



Der Film des Jahres, aber zu hässlich für die Oscars?  


Für mich steht schon jetzt fest, dass “The Substance” mein Film des Jahres ist! In ihm steckt einfach alles, was ich von einem packenden Streifen erwarte. Fargeats Spiel mit der Realität und dem Absurden trifft genau meinen Geschmack. Die Darsteller:innen sind sich nicht zu schade, auch ihre unschönen Seiten vor der Kamera zu zeigen. Und Kamera, Sound sowie Musik geben dem Ganzen den letzten Schliff. 


Obwohl schon viel über “The Substance” geredet wird, stellt sich die Frage, ob die Academy diesen Streifen beachten wird? Sicherlich behandelt er Themen, die vor allem die nun mehr durchmischte Jury ebenso beschäftigen. Hollywood liebt Streifen über sich selbst, und zudem findet sich in “The Substance” eine klare Botschaft wieder, die das oberflächliche System in Los Angeles anprangert. Andererseits könnte die Absurdität des Streifens sowie sein alles andere als leicht verdauliches Finale die ein oder anderen Jurymitglieder abschrecken.


Sei es drum. “The Substance” ist eine rundum durchdachte und genial inszenierte Erfahrung, die unbedingt im Kino gesehen werden muss. Allein schon, um die Reaktionen mit anderen Zuschauer:innen im Saal zu teilen, lohnt es sich, sich diesem unverblümten Schönheitswahn hinzugeben. 


Wer übrigens seinen Spaß an “The Substance” hatte, dem sei auch ein anderer französischer Body-Horrorfilm aus Frankreich empfohlen: Julia Ducournaus “Titane” von 2021 schlägt in eine ähnliche Kerbe was die Story aber auch die Machart angeht.  


Meine Bewertung: 10/10   




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