Kritik: “Anora” – Eine wilde Achterbahnfahrt der Emotionen

Eine menschliche Auseinandersetzung mit den Randgruppen der Gesellschaft zeichnet Sean Bakers Filme aus. Auch sein neuster Einblick in den Klassenkampf der USA überzeugt auf ganzer Linie. Wenn wir an die Vereinigten Staaten von Amerika denken, fallen uns wahrscheinlich Wall Street, Disneyland und ein gewisser orangehäutiger “Milliardär” ein. Fernab des “American Dreams” liegt aber eine hässliche, von Armut, Verzweiflung und erbitterten Konkurrenzkampf geprägte Welt. Genau diese Welt legt der Regisseur und Drehbuchautor Sean Baker offen. In seinen Filmen, zumindest die ich von ihm gesehen habe, zeichnet er faszinierende Charakterstudien von gescheiterten Existenz, die wir nur selten zu Gesicht bekommen. Oder auch wollen. So beschäftigte sich etwa “The Florida Project” (2017) mit den Bewohner:innen eines heruntergekommenen Motels, das unweit von Disneyland liegt. “Red Rocket” (2021) erzählt von einem Ex-Pornostar (Simon Rex), der sich in einer texanischen Kleinstadt durch Betrügereien übers Wasser hält. Und auch in seinem neuen Werk blickt einer der wohl interessantesten Filmemacher seiner Generationen hinter den Schein seines Heimatlandes. “Anora” ist nicht nur ein rasantes Drama voller Witz und großartiger Figuren, sondern auch Sean Bakers bisher bester Film, der beim Cannes Filmfestival schon die Goldene Palme abräumen konnte. Seit Terrenace Malicks "Tree of Life" gelang das keiner US-amerikanischen Produktion mehr. Wenn wir hier also keinen Anwärter für den “Bester Film”-Oscar haben, dann hat auch die Traumfabrik in Hollywood endgültig ausgeträumt.

Was heißt “Hals über Kopf” auf Russisch? Zur Story: Anora (Mikey Madison), von allen Ani genannt, ist eine Tänzerin in einem New Yorker Stripclub und verdient sich als Escort nebenbei etwas dazu. Nachdem sie einen ihrer Kunden, den russischen Oligarschensohn Ivan (Mark Eidelshtein), spontan heiratet, bleibt dies nicht ohne Konsequenzen. Die ersten dreißig Minuten von “Anora” fühlen sich wie ein Rausch an. Gekonnt lässt uns Baker, der auch den Schnitt übernommen hat, an dem Liebestaumel seiner Protagonistin teilhaben. In einer neonfarbenen, mit Popmusik getränkten Montage erleben wir mit Ani einen wahren Trip aus Luxus, Sex und Drogen, der uns direkt in die Gefühlswelt der Figuren eintauchen lässt. Das ganze wirkt zunächst etwas ziellos und fast möchte man hinterfragen, was da überhaupt auf der Leinwand abläuft. Nur oberflächlich lernen wir die Protagonist:innen sowie deren Welt kennen, was aber der Sinn der Sache ist. Denn erst im zweiten Akt entfaltet sich der wahre Plot von “Anora”. Hier nimmt der Streifen das Tempo raus, ohne dabei jedoch langweilig zu werden. Die darauf folgenden 100 Minuten, und damit der narrative Schwerpunkt von “Anora”, konzentrieren sich ab dem zweiten Akt auf die negativen Auswirkungen dieser stürmischen Beziehungen. Die Story, die zunächst wie eine klassische Romanze beginnt, wird vollends dekonstruiert und hinterfragt den märchenhaften Auftakt. Kann es ein Happy End für das einfache Mädchen geben, das sich auf den ersten Blick in den reichen Prinz verliebt? Genau damit beschäftigt sich “Anora” und fordert uns dazu auf, über gesellschaftliche Unterschiede, kulturelle Diskrepanzen und die Rolle von Frauen bzw. Sex-Workern in unserer Gesellschaft nachzudenken. Dabei gelingt es Baker erneut, den Zuschauer:innen nicht mit dem moralischen Holzhammer über den Kopf zu hauen oder zu viel zu erklären. Vielmehr lässt er die Figuren für sich sprechen und überlässt uns die kognitive Arbeit über die Bedeutung seines Werkes und die Motivationen seiner Heldin. Die manchmal expliziten Sexszenen im ersten Drittel des Films und die Oberflächlichkeit der Figuren mögen dabei anfangs abschreckend wirken, aber der Rest des Films, besonders sein unglaublich starkes Ende, bilden die logische Schlussfolgerung von Bakers Herangehensweise. Jeder Liebesrausch muss irgendwann enden, und wenn wir dann wieder nüchtern darauf zurückblicken, stellt sich die Frage: Wie konnte das überhaupt funktionieren?

Zwischen Style und Authentizität Wer Sean Bakers vorherige Filme gesehen hat, weiß, dass der Filmemacher seine ganz eigene stilistische Note hat. Sein Streben nach Authentizität und Realismus wechselt sich mit stilistischen Überhöhungen ab. Man stelle sich vor, italienischer Neorealismus trifft auf die Bilderflut des sogenannten “New Hollywood” der 1970er Jahre. Und auch in “Anora” bleibt sich Baker seiner Machart treu. Wie bereits erwähnt, besticht die erste halbe Stunde durch rauschhafte Szenen, die stark kontrastiert beleuchtet und mit schwunghafter Musik unterlegt sind. Die Kamera scheint hier fast nie still zu stehen, bleibt nahe an den Protagonist:innen dran. In Kombination mit den lasziven Tanzdarbietungen von Ani und Aktszenen, die bewusst übersexualisiert erscheinen, könnte man meinen, es handelt sich hierbei um einen billigen Erotikfilm aus den achtziger Jahren. All dies bricht Baker ab den zweiten Akt auf, und in einem fast dokumentarischen Stil folgen wir den Figuren auf Schritt und Tritt. Erwähnenswert ist dabei, dass der erste Akt mehrere Wochen herunterbricht, während der Rest die Ereignisse von vielleicht zwei Tagen intensiv zusammenfasst. Eine weitere Stärke von Sean Baker wird auch in “Anora” wieder deutlich: Die Besetzung, die dem Film seine besondere Authentizität verleiht. Baker setzt selten auf große Namen, sondern holt lieber viel aus unbekannten Schauspieler:innen heraus. Allen voran ist hier die Hauptdarstellerin Mikey Madison (“Once Upon A Time In Hollywood”) zu nennen. Ihre Ani bewegt sich gekonnt zwischen Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und emotionaler Verletzlichkeit. Ohne viele Dialoge verstehen wir die Protagonistin und ihre Motivationen. Hinter ihrer großen Klappe und dem Spiel mit ihren Reizen steckt eine verstörte junge Frau, die zwar weiß was sie will, aber nicht, wie sie es erreichen kann. Baker traute Madison einiges zu, was sie ihm aber mit einer lebensnahen sowie komplexen Darbietung zurückgezahlt. Damit gehört die junge Mimin für mich neben Demi Moore zu den spannendsten Anwärterinnen auf einen Oscar. Daneben sind auch noch Juri Borissow, Karen Karaguljan und Watsche Towmasjan zu nennen, die zumindest für mich (und wahrscheinlich auch den Rest der nicht-russischsprachigen Welt) Unbekannte waren. Die drei spielen die sichtlich überforderten Aufpasser Ivans und sind in ihren Rollen nicht nur überzeugend, sondern sorgen auch noch dank ihrer trockenen Art für einige Lacher. Die größte Vielseitigkeit zeigt hier Borissow, der seinen Igor mit harter Schale aber weichem Kern spielt und der aus dem Ensemble der einzige ist, der Mitgefühl für Ani zeigt. Mein persönliches Highlight war aber der armenische Komiker Watsche Towmasjan in der Rolle des Garnick, der mit perfektem komödiantischen Timing den sympathischen Volltrottel gibt, der sowohl auf Armenisch, Russisch und Englisch wie ein Rohrspatz fluchen kann. Am Ende des großen Rauschs “Anora” ist der wohl zugänglichste Film von Sean Baker und hat sich seine bisherigen fast durchweg positiven Kritiken redlich verdient. Aus meiner Sicht haben wir hier auch den zweitbesten Film des Jahres nach “The Substance”, der ähnlich wie die Body-Horror-Satire das Frauenbild in unserer Gesellschaft behandelt. Anders als die herrlich überdrehte US-amerikanische/französische Produktion trägt “Anora” seine Themen und Botschaften nicht ganz so zur Schau und spricht fordert das Empathievermögen des Publikums heraus, um ein Urteil über seine Figuren zu fällen. Nicht jeder wird sich mit der moralischen Vielschichtigkeit und dem doch anrüchigen Plot abfinden können. Aber wer sich auf diesen wilden Liebesrausch einlässt und etwas Geduld mitbringt, dem erwartet eine der besten Charakter- und Milieustudien, die Hollywood seit Ewigkeiten rausgebracht hat. Echte Filmfans sollten diesen potenziellen Oscar-Abräumer auf keinen Fall verpassen! Meine Bewertung: 8,5/10  



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kritik: "The Substance" – Wo der Wahn im Schönheitswahn steckt

"Kino spricht ein tiefes inneres Bedürfnis der Menschen an" – Interview mit Kinobetreiber Christian Bräuer