Kritik: “Emilia Pérez” – ¿Que está sucediendo?

Das Crime-Drama-Musical “Emilia Pérez” hat seit seinen 13 Oscar-Nominierungen viel Kritik abbekommen. Zurecht? Bis zu einem gewissen Grad lautet die Antwort: Ja. 


Es gibt gewisse Zitate aus Filmen, die sich in meinem Alltag etabliert haben. Einer davon stammt aus Peter Weirs großartigen “Truman Show”. Der verzweifelte Protagonist Truman Burbank (Jim Carrey) sitzt mit seiner vermeintlichen Ehefrau (Laura Linney) in der Küche und versucht, ein ernstes Gespräch mit ihr zu führen. Diese lenkt aber davon ab, indem sie eine Schleichwerbung für Kakaopulver herunterbetet, woraufhin ihr Gatte ein energisches “Tell me what is HAPPENING!” entgegen schreit.  


Genau dieser Satz lief durch meinen Kopf, als ich Jacques Audiards (“Der Geschmack von Rost und Knochen”) Crime-Drama-Musical “Emilia Pérez” im Kino sah. Der wohl kontroverseste Film des Jahres hat für reichlich Gesprächsstoff im Internet gesorgt. Fast auf ganzer Linie hinweg wird der 13 mal für den Oscar nominierte Streifen (u.a. Bester Film, Beste Kamera, Bester Soundtrack) zerrissen. Das zurecht?


In gewisser Weise hat sich eine Hassspirale entwickelt, in der sich Internet-Nutzer*innen reinsteigern, wobei auch noch ganz andere Skandale “Emilia Pérez” heimsuchen – dazu später aber mehr. Andererseits sind so viele Entscheidungen im Drehbuch sowie in der Umsetzung einfach geradezu weltfremd, dass ich während meiner Sichtung nicht umhin kam, mich wie der verwirrte Truman Burbank zu fühlen. ¿Que está sucediendo? 



Ein Plot ins Nirgendwo 


Zur Story: Der brutale mexikanische Kartellboss Manitas (Karla Sofiá Gascón) will untertauchen und beauftragt die Anwältin Rita (Zoë Saldaña) damit, einen Chirurgen für eine Geschlechtsumwandlung anzuheuern. Unter ihrem neuen Namen Emilia Pérez will sie als neuer Mensch ein tugendhaftes Leben führen. 


Als ich das erste Mal von der Prämisse und dem Konzept von “Emilia Pérez” hörte, war ich sehr neugierig. Ein Musical über mexikanische Kriminelle, Geschlechteridentitäten und auf Spanisch, das klang alles sehr absurd und interessant für mich. Auch wenn ich keine der vorherigen Filme von Regisseur Jacque Audioard gesehen habe, hatte ich Hoffnungen auf einen skurrilen Streifen, bei dem “Titane” auf “Rocky Horror Picture Show” auf “Desperados” trifft. Leider traut “Emilia Pérez” es sich nicht ansatzweise, so verschroben wie die drei genannten zu sein. 


Das Musical stopft seine knapp 140 Minuten voll mit Ideen, ohne dabei ironisch zu sein oder den Irrwitz einfach komplett durchzuziehen. Stattdessen bekommen wir eine moralistische Erzählung, die durch mittelmäßige Gesangs- und Tanzeinlagen unterbrochen wird. Dem Film fehlt es an Orientierung und durchweg fragte ich mich, wen das alles überhaupt ansprechen soll? Das Milieu und die Thematik sind zu ernst, als dass sie von schwungvollen Liedern begleitet werden sollten, es sei denn, die richtige Balance zwischen schwarzem Humor und bitterer Realität wäre gefunden worden. In den ersten knapp 30 Minuten funktionierte das noch halbwegs für mich, da Audiard bis dahin einen gewissen Grad an Ironie zeigte. Nach Mantis’ Transition zu Emilia geht dem Film aber jeglicher Humor abhanden und verfängt sich in klebrigen Pathos. 


Stattdessen folgen wir der geläuterten Emilia dabei, wie sie all ihre furchtbaren Taten wieder gut machen will und eine NGO gründet, die die Leichen verschollener Menschen an ihre Familien übergibt. In Mexiko verschwinden um die 81 Menschen jeden Tag spurlos, wofür in den meisten Fällen die Kartelle verantwortlich sind, was diesen Handlungsstrang ziemlich taktlos erscheinen lässt. Zumal wir nicht erfahren, warum sich Emilia dazu entschließt, ihr Leben zu ändern und nun die Wohltäterin gibt. Die Aussage des Films ist mehr oder weniger, dass sie einfach ein besserer Mensch nach ihrer Umwandlung ist. Hier wäre es doch interessant gewesen, wenn wir Einblicke in ihren Sinneswandel bekommen hätten und sehen könnten, wie sich Emilias Persönlichkeit langsam entwickelt. Dies lässt das Skript jedoch aus.  


Vielmehr bekommen wir es mit einer zusammenhanglosen Aneinanderreihung von Szenen zu tun, die uns durch die Story führen und an denen die Songs aufgehängt sind. Das ist ziemlich frustrierend, da selbst die Gesangseinlagen der Figuren keine echten Einblicke in ihr Innenleben zulassen und nur das widerspiegeln, was wir eh schon gesehen haben. So plätschert die Handlung vor sich, ohne eine wirkliche Aussage zu machen oder uns eine Weiterentwicklung aller Protagonistinnen zu zeigen. 


Sollte dies eine provokative Auseinandersetzung von Audiard mit dem Thema und seiner Darstellung im Film sein, scheitert er daran aber auch. Denn letztendlich gibt “Emilia Pérez” auch nicht viel zum Nachdenken, trotz seiner Dichte an ach so komplexen Themen. Alles bleibt nur an der Oberfläche und geht nie tiefer, Musical hin oder her. 



Auch technisch mit Licht und Schatten


In seiner technischen Umsetzung liegen weitere Probleme von “Emilia Pérez”.


Eins vorweg: Ich bin kein Fan von Musicals. Lediglich für ein oder zwei kann ich mich erwärmen, ansonsten ist das Genre für mich nicht zugänglich. Umso mehr erhoffte ich mir von der ungewöhnlichen Idee von “Emilia Pérez”. Leider trifft der Film auch in dieser Hinsicht nicht den Ton und bleibt lieber bei einer risikoscheuen Herangehensweise. 


Die Kameraarbeit von Paul Guilhaume (“Wo in Paris die Sonne aufgeht”) ist durchaus schön anzusehen. Die Farben, Schatten sowie Kontraste sind klar gezeichnet, und zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, einen ausgewaschenen Marvel-Blockbuster zu gucken. Ein paar dynamische Kamerafahrten gibt es hier und da auch, aber nichts davon ist wirklich aufregend, wenn wir Vergleiche zu anderen visuellen Leckerbissen von 2024 wie “The Substance”, “Nosferatu” oder “The Brutalist” ziehen. Ansonsten sieht alles sehr nach Standard aus, was kein Vorwurf sein soll, aber auf keinen Fall eine Oscar-Nominierung rechtfertigen würde. 


Der Schnitt hat seine Nominierung ebensowenig verdient. Obwohl dieser weitestgehend stimmig ist, gab es doch einige Szenen, in denen ich die Orientierung verloren habe. Zumal “Emilia Pérez” ein paar unmotivierte Achsenbrüche macht, die fehlplatziert wirken. 


Sound ist durchgängig vorhanden und vernünftig gemixt. Jedoch möchte ich unter dieser Kategorie noch gleich die Musical-Nummern zählen, die überhaupt nicht für mich funktionierten. Hauptsächlich bestehen diese aus einem gesprochenen Sing-Sang, der durch klassischen Showtune-Kitsch ergänzt wird. Kein Song blieb bei mir hängen. Weder die Lieder selbst noch ihre Darbietungen waren einprägsam und manche, wie ein gesungener Dialog zwischen Rita und einem Arzt, lösten bei mir das aus, was die jungen Leute heute wohl “Cringe” nennen. Vor allem Selena Gomez, die Emilias frühere Ehefrau spielt, klingt während ihrer Nummer stark unmotiviert und kurzatmig, was ihrem Song komplett die Energie nimmt. 


Die dünne Story, die verwirrende Botschaft und blasse Figuren könnte man “Emilia Pérez” vergeben, wenn wenigstens die Musik gestimmt hätte. Leider knüpft die aber genau an die anderen Schwächen des Streifens an: Sie wissen nicht so wirklich, was sie sein wollen. Irgendwo zwischen Latin-Pop, Reggaeton und halb gerappten Gesängen, weiß keine Nummer, welches Publikum sie mitreißen sollen. 



Eine Flut an Kontroversen 


Wahrscheinlich wäre “Emilia Pérez” unter anderen Umständen einfach übersehen und vergessen worden und hätte Jahre später Kultstatus unter Genre-Fans erreicht. Die Filmgeschichte hat eine Menge schwacher Werke eine zweite Chance gegeben, indem sie erst später wiederentdeckt wurden. Dass aber Audiards Film der meist nominierte Film bei den Oscars 2025 ist, hat einen enormen Shitstorm verursacht, der ihm jetzt schon zu viel Aufmerksamkeit gibt. 


Zu den zahlreichen Aufregern gehört etwa, dass der Film die mexikanische Kultur anscheinend nicht versteht und sie stereotypisch darstellt. Viele Mexikanerinnen und Mexikaner bemängeln außerdem, dass weder der Regisseur oder Drehbuchautor, niemand aus der gesamten Crew, noch jemand aus dem Cast mexikanischer Herkunft ist. Dies bemerkt man auch beim Spanisch des Films, welches zwischen verschiedenen Dialekten hin- und herwechselt. Selena Gomez musste außerdem ihren Text phonetisch lernen, was ihre Präsenz in “Emilia Pérez” umso fragwürdier macht. 


Hinzu kommt Kritik aus der Trans-Community, die ihre Lebensrealität als falsch interpretiert sieht. Der Film fokussiere sich zu stark auf die operative Seite der Existenz von Trans-Menschen und greife dabei auf einige Klischees zurück. Da ich kein Teil dieser Community bin, kann ich nicht jeden Kritikpunkt beurteilen. Wo ich jedoch zustimme, ist die merkwürdige Annahme von “Emilia Pérez”, dass eine Geschlechtsumwandlung gleich eine neue Persönlichkeit bedeutet. Ein gewalttätiger, ruchloser Mann wird nicht einfach zur wohltätigen Friedensstifterin. Diese simplifizierte Sichtweise versteht nicht in geringster Weise die Komplexität des menschlichen Daseins und darf gerne kritisch betracht werden. 


Und noch eine Kontroverse darf nicht ausgelassen werden, nämlich die um Hauptdarstellerin Karla Sofiá Gascón. Abgesehen davon, dass sie Spanierin und keine Latina ist, produzierte die ebenso nominierte Schauspielerin Negativschlagzeilen, da sie sich auf Twitter (ich weigere mich, den neuen Namen zu nennen) gegenüber Muslime abwertend äußerte. Den Goldjungen kann sich die erste nominierte Transfrau damit wohl abschminken.


So oder so wäre aber ein Gewinn bei der Konkurrenz unverdient gewesen. Wie der gesamte Rest des Casts, liefert Gascón eine befriedigende, aber keine herausragende Darbietung ab.   



Viel Lärm um nichts


Ist “Emilia Pérez” also nun der schlechteste Film des Jahres? Oder gar des Jahrzehnts? 


Aus meiner Sicht: Nein. Zumindest nicht ganz. Sämtliche Kritikpunkte, die ich angesprochen habe, zusätzlich zu denen von mexikanischen sowie transsexuellen Stimmen, sind alle valide und täuschen nicht darüber hinweg, dass sich Jacques Audiard einen ziemlich Fehlschuss erlaubt und die Academy erneut ihre Weltfremdheit bewiesen hat. Dennoch besitzt der Film einen gewissen Unterhaltungswert für mich.


Mir machte es Spaß, abgesehen von ein paar wirklich langweiligen Minuten im zweiten und dritten Akt, diesen missglückten Versuch eines Genres-Mix auseinander zu nehmen. In gewissen Teilen konnte ich in “Emilia Pérez” erkennen, worauf die Macher vielleicht hinaus wollten, aber komplett daran scheiterten. Ein wenig war der Streifen doch wie ein Autounfall, an dem man vorbeifährt: Man kann weder hin- noch weggucken. 


Jacques Audiard hat anscheinend einen Film nur für sich und ein paar wenige Industrie-Insider (u.a. Guillermo del Toro und Denis Villeneuve priesen “Emilia Pérez”) gemacht, aber nicht für ein Kinopublikum. Hätte das Musical sich weniger ernst genommen und eine schlockige B-Movie-Ästhetik als Herangehensweise gewählt, wäre “Emilia Pérez” sehr amüsant gewesen. In seiner umgesetzten Form wirkt es jedoch, als habe sich der Regisseur zu sehr in seine eigenen Ideen verliebt und musste sie auf die schillerndste Art umsetzen, damit sie alle sehen und genauso gut finden. Gesehen habe ich sie, gut gefunden leider nicht. 


Meine Bewertung: 3,5/10       




                   

   


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