Kritik: „Nosferatu“ (2024) – Würdige Wiederauferstehung einer Gruselikone
Kann man einen über 100 Jahre alten Horrorfilm für das heutige Publikum auflegen? Oh ja, wenn der Regisseur Robert Eggers heißt. Authentisch und folkloristisch gibt Eggers dem Vampir neuen Biss.
Vampire oder Zombies? Mitte der 2000er Jahre und bis in die 2010er hinein war das die große Debatte innerhalb der Popkultur. Und letztendlich sah es nach einem ziemlich klaren Sieg der Zombies aus, die noch bis heute Films, Serien und Games dominieren.
Der ansonsten großartige Robert Pattinson gelang es in seiner Rolle als Glitzer-Vampir Edward in der schnulzigen „Twilight“-Reihe, dass nicht nur ich, sondern auch viele andere Nerds die untoten Blutsauger satt hatten. Niemand schien mehr so wirklich zu wissen, wie sich Geschichten um Vampire noch interessant und vor allen Dingen gruselig erzählen ließen. Dabei dominierten sie doch einst das Horrorgenre. Unvergessen sind Christopher Lee oder Belá Lugosi in der Rolle des berühmten Graf Draculas. Und natürlich gab es da noch den nicht weniger legendären, aber doch etwas unbeachteten Graf Orlok, mit dem der deutsche Regisseur F. W. Murnau 1922 in seinem „Nosferatu – Eine Symphony des Grauens“ die Zuschauer:innen in Angst und Schrecken versetzte.
Der ikonische Vampir mit den markanten Gesichtszügen wurde ebenso ein Teil der Filmgeschichte, bekam ein Remake von Werner Herzog im Jahre 1979 und wurde in etlichen Referenzen wie in „Spongebob“ oder „What We Do In The Shadows“ verewigt. War es also über 100 Jahre nach seinem ersten Auftritt wieder Zeit für eine Wiederauferstehung des verfluchten Monarchen aus Rumänien? Nicht wenige Cineasten sagten ganz klar „nein“. Aber der Regisseur, Drehbuchautor und Geschichts-Nerd Robert Eggers („The North Man“) war da anderer Meinung und schickte sich an, „Nosferatu“ erneut auf die Leinwand zu bringen. Das ist dem gebürtigen New Yorker auch erstaunlich gut gelungen, indem er sein Filmmonster im neuen alten Gewand inszenierte. Seine Neuinterpretation ist eine Verneigung vor dem Stummfilmklassiker sowie auch eine kleine Lektion in altertümlicher Folklore und Gothic-Horror.
Ein Vampir wie er im Buche steht
Zur Story: Anfangs des 19. Jahrhunderts reist der junge Immobilienmakler Thomas Hutter (Nicholas Hoult) tief ins transsilvanische Hinterland, um den dort ansässigen Grafen Orlok (Bill Skarsgård) ein Schloss in Deutschland zu verkaufen. Jedoch hat es der unheimliche Aristokrat auf Thomas’ Ehefrau Ellen (Lily-Rose Depp) abgesehen, mit der er in einem teuflischen Bund zu sein scheint.
Die Geschichte von Eggers „Nosferatu“ weist fast keinerlei Unterschiede zum Original auf. Das kann man ihr auch getrost vergeben, denn selbst Murnaus Werk von 1922 war keine Eigenkreation. Der deutsche Filmemacher wollte ursprünglich Bram Stokers Roman „Dracula“ verfilmen, jedoch wurden ihm die Rechte daran verwehrt. Kurzerhand änderte Murnau und sein Drehbuchautor Henrik Galeen die Namen der Figuren und versetzten den Handlungsort von England nach Deutschland, und fertig war das Plagiat.
Was jedoch den alten, den weniger alten und auch diesen „Nosferatu“ ausmacht, ist seine ganz eigene Atmosphäre. Im Gegensatz zu den Dracula-Filmen, seien es die Universal- oder Hammerfilm-Klassiker, ist Orlok kein attraktiver Verführer, sondern ein Monster, das nicht von unserer Welt ist und mehr einer Naturgewalt entspricht. Auch Eggers macht hier keine Ausnahme.
Sein glatzköpfiger und halbverwester Vampir scheint die Regeln der physischen Welt zu brechen und jede Begegnungen zwischen ihm und den Protagonisten fühlt sich unwirklich und alptraumhaft an. Nachdem etwa Orlok in dem beschaulichen Ort Wisborg ankommt, wirkt sich das nicht nur auf Ellens Gemütszustand aus. Er bringt auch die Pest mit sich, an der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt nach und nach elendig verenden. Das Motiv der berüchtigten Epidemie greift auch Robert Eggers wieder auf und trifft damit den Zeitgeist unserer Post-COVID-Welt.
Das Zentrale Thema von „Nosferatu“ ist der Konflikt zwischen Wissenschaft und Aberglaube, Religion und Okkultismus, Moderne und Altertümlichkeit, das im Film auch durch den etwas verrückten Professor von Franz (Willem Dafoe) verkörpert wird. Dieser wird verzweifelt als Experte hinzugezogen, wobei er sich auch nur auf vages Wissen aus Büchern verlassen kann. Hierdurch entsteht auch der wirkliche Horror in Eggers Streifen, der sich den klassischen Vampire-Regeln aus der Popkultur entzieht.
Vielmehr greift Eggers auf Mythen und Geschichten der vorherigen Jahrhunderte zurück. Knoblauch, Kreuze oder Weihwasser als Abwehr gegen Orlok werden allenfalls angedeutet, denn letztendlich erzählt jede Region ihre eigenen Schauermärchen über Vampire. Der Film selbst ist sich dem sogar bewusst und es gelingt Eggers, den untoten Grafen noch gruseliger erscheinen zu lassen. Denn was sonst gegen einen Vampir wirkt, ist möglicherweise nutzlos gegen den übermächtigen Orlok. Wie schon in „The VVitch“ werden die Grenzen von Mythologie und Historie vermengt und es erscheint, als würden hier tatsächliche Menschen des 19. Jahrhunderts gegen einen kosmisches Grauen antreten, das sie weder verstehen noch bekämpfen können. Das alles trägt zu einem spannenden Plot bei, dessen Horror aus der Bedrohung einer gottlosen Macht entsteht, der niemand wirklich etwas entgegensetzen zu weiß.
Der Tot steht ihnen gut
Auch abseits seiner schaurigen Erzählung ist „Nosferatu“ ein Schmankerl in seiner Umsetzung. Das Visuelle fing erneut Jarin Blaschke („Knock At The Cabin“), der bisher bei allen Spielfilmen von Robert Eggers mitarbeitete. Und wie auch zuvor ist Blaschke die zweite Zutat, die Eggers’ Streifen das gewisse Etwas geben. Besonders das Spiel mit Schatten und der Dunkelheit sind die Säulen, die die dichte Atmosphäre dieses Horrorfilms tragen und Bezüge zu Murnaus Original aufweisen. Auch einige Weitwinkelaufnahmen, die vor allem in der ersten Hälfte von „Nosferatu“ die osteuropäische Landschaft einfangen, rauben einem gar den Atem.
Die dritte Zutat ist der Ton, der das blanke Grauen richtig auferstehen lässt. Der teilweise verweste Körper Orloks sowie seine unheimliche Präsenz geben einige merkwürdige, organische Töne von sich, bei dem einem der Ekel hochkommt. Daneben versetzen uns die lebensnahen Umgebungsgeräusche direkt in diese Epoche, die von klappernden Hufen, quietschenden Raten sowie menschlichen Schreien dominiert ist. Hervorzuheben ist jedoch Skarsgårds Stimme, der mit einem Opernsänger zusammenarbeitete, um die dämonische Stimmlage des Grafen zu erreichen.
Die Musik steht dem Ton selbstverständlich in nichts nach und rundet die Stimmung der ausweglosen Lage perfekt ab. Komponist Robin Carolan, der schon bei Eggers’ „The Northman“ musikalisch tätig wurde, setzt auf einen klassischen Soundtrack mit verschiedenen Streichinstrumenten. Die ordnen sich perfekt in die historische Periode ein und geben mit ihrem Wechsel aus schreiend bis ruhig die Gemütslage der Protagonist:innen wieder. Das Stück „Daybreak“, das das Finale von „Nosferatu“ begleitet, muss besonders erwähnt werden.
Nicht zu vergessen sind natürlich auch die Sets und Kostüme, was zur Robert Eggers’ besonderen Stärken zählt. Der Regisseur ist für seine Detailversessenheit bekannt, und auch sein neuster Streifen ist Zeuge dieses Arbeitsethos. Von den Anzügen und Mäntel der Männer über die eleganten Kleider der Frauen bis hin zu Orlorks Tracht strotzen die Kleidungsstücke nur so vor Feinheiten, wie wir sie aus Büchern und Illustrationen dieser Zeit kennen. Auch das fiktionale Wisborg entspricht mit seinem Baustil und seinen verwinkelten Gassen dem damaligen Zeitgeist und ist gleichzeitig eine Hommage an den deutschen Expressionismus des Kinos der 1920er Jahre.
Ein Schauermärchen fernab des 08/15-Horrors
„Nosferatu“ ist ein weiterer Beweis für das enorme Talent von Robert Eggers. Der Filmemacher hat ein Händchen für unheimliche Geschichten, die uns in längst vergangene Tage entführen und deren Schauer aus der Atmosphäre und den überforderten Figuren entsteht.
Die ruhige Erzählweise und der weitergehende Verzicht auf Jump-Scares sind eine willkommene Abwechslung zum regulären Vampire-Trash, der uns in den letzten Jahren vorgesetzt wurde. Das wird sicherlich nicht für jedes Publikum funktionieren, das vielleicht ein Fast-Food-Schocker der Marke Blumhouse erwartet hat. Meines zumindest lachte an den unpassendsten Stellen und der eine oder die andere schauten ab und zu gelangweilt auf die Handys.
Aber sei’s drum. Wer auf Gothic-Horror a lá „The VVitch“ steht und Robert Eggers akribische Filmarbeit zu schätzen weiß, kann sich auf einen großartig umgesetzte Wiederauferstehung eines Klassikers einstellen. Nur beim nächsten Mal wünsche ich mir, dass sich Eggers mal an ein modernes Szenario traut.
Meine Bewertung: 7,5/10
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