Kritik: “The Brutalist” – Ein monumentaler Bau mit vielen Schichten

Das Drama von Brady Corbet nutzt Architektur als Metapher für die Komplexität des Menschseins. Nichtnur deswegen hat sich dieses bildgewaltige Epos seine zahlreichen Lobpreisungen redlich verdient.


Der Begriff “Brutalismus” hat keineswegs etwas mit Gewalt oder sonstwas dergleichen zu tun. Vielmehr versteht man darunter einen modernen architektonischen Stil, der sich in den 1950ern durchsetzte und Bauwerke auf der ganzen Welt prägte: Von zahlreichen Plattenbauten auf Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, über Gotteshäuser bis hin zur Universitäten, der Stil ist fast überall anzutreffen.


Ob die schlichten Formen und die Verwendung von Sichtbeton jeden Geschmack ansprechen, darüber darf gerne gestritten werden. Fakt ist aber, dass diese Art des Designs durch seine Schnörkellosigkeit besticht und versucht,  “ein objektives Verhältnis zur Realität zu finden”, wie es das britische Architekten Paar Alison und Peter Smithons ausdrückten. Denn letztendlich steckt hinter jedem Gebäude, mag es noch so schlicht im Brutalismus gehalten werden, ein Zweck und sogar eine Aussage – also eine gewisse Komplexität.


Dieser Komplexität und Zweckgebundenheit geht Regisseur Brady Corbet (“Vox Lux”) in seinem Drama-Epos “The Brutalist” auf die Spur. Teils eine tiefgreifende Charakterstudie, teils ein sozialkritischer Blick auf den “American Dream” und Kapitalismus, ist Corbet einer der bemerkenswertesten Filme des vergangen Jahres gelungen, der jede Minute seiner dreieinhalb stündigen Laufzeit voller Bedeutung packt.      



Ein Blick hinter die Fassade des “American Dream”


Zur Story: Der jüdische Architekt László Tóth (Adrian Brody) flieht vor den Wirren der Nachkriegszeit aus Ungarn in die USA, um sich ein neues Leben aufzubauen. Zunächst schlägt er sich mit kleinen Baujobs durch, bis ihn der etwas zwielichtige Millionär Harrison Van Buuren (Guy Pearce) für sein Traumprojekt anheuert. 


Was auf den ersten Blick wie die klassische Auswanderergeschichte wirkt, entwickelt sich im Verlauf der Handlung immer mehr zu einer Auseinandersetzung nicht nur mit dem Protagonisten selbst, sondern auch mit den Umständen, denen er sich konfrontiert sieht. Corbet, der das Drehbuch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Mona Fastvold verfasste, gelingt es, schneidige Dialoge mit einer packenden Handlung zu verbinden, die zwar nach außen hin simpel erscheint, aber zahlreiche thematische Schwerpunkte setzt. Die zunächst schlichte Fassade hält in ihrem Inneren so viel mehr für uns bereit. 


Im Zentrum der Geschichte steht der intelligente aber verlorene László. Anfangs erfahren wir nicht sehr viel vom Architekten aus Osteuropa, außer dass er wohl seine Anstellung und sein Ansehen in seiner Heimat durch die Pogrome der Nationalsozialisten verlor und vor dem neuen Chaos der Bolschewisten floh. Fest steht allerdings, dass László zu gerne einen über den Durst trinkt, Kette raucht und von Heroin abhängig ist. Auch den Frauen ist er durchaus zugetan, obwohl er hier lange im Konflikt mit sich selbst steht, musste er doch seine Gattin Erzsébét (Felicity Jones) zunächst zurücklassen. 


Nach und nach aber lernen wir mehr über László kennen und verstehen, dass wir einen gebrochenen Mann vor uns haben, der seine Karriere und seine Träume aufgeben musste und der einige Schwierigkeiten hat, sich an sein neues Heimatland anzupassen. Genau hier benutzt der Regisseur seine Hauptfigur als Instrument, um einen Eindruck vom Leben als Einwanderer in der Nachkriegsepoche in den Vereinigten Staaten zu bekommen: Armut und Diskriminierung gehören für László zum Alltag, auch wenn besonders Letzteres nicht immer gleich ersichtlich ist.


Das unglaublich starke Skript verzichtet weitestgehend auf Klischees und stellt Lászlós Schwierigkeit, sowie später die seiner Ehefrau und Nichte, in der neuen Heimat in einem Spannungsfeld dar. Zum einen wird der Architekt für sein Wissen und seine künstlerische Ader geschätzt, zum anderen aber seine jüdische Identität und slawische Herkunft abgelehnt. Selbst die Integration in die US-amerikanische jüdische Gemeinde erweist sich als schwierig. 


Personifiziert wird dieses Spannungsverhältnis vor allem durch Van Buuren, der mit seinem klassischen Auftreten eines WASP (“White Anglo-Saxon Protestant”) die Oberschicht des US-amerikanischen Geldadels widerspiegelt. Ein Mann, der, wie er sagt, sich “alles im Leben hart erarbeitet hat”, aber dennoch nur wenig Empathie für seine Mitmenschen zeigt. Seine Sichtweise auf die Welt besteht hauptsächlich darin, jeden außerhalb seines sozialen Umfelds in Stereotypen zu kategorisieren. Und auch wenn Van Buuren der einzige ist, der Lászlós architektonische Arbeit hochachtet, gelingt es ihm nicht, die Komplexität hinter dem Schöpfer zu entdecken. 


Der Konflikt zwischen dem mittellosen Architekten und seinem reichen Mäzen schwelt fast während des gesamten Films nur unter der Oberfläche und kommt erst zum Ende hin zum Vorschein. Die letzten Minuten sind es auch, die László vollends als vielschichtige Figur aufdecken und sein Handeln, seine Motivation sowie auch seine Fehler preisgeben. Wie beim Bau eines Gebäudes dauert es lange Zeit, ehe das gesamte Bild zu fassen ist und es sich in seiner zweckgebundenen Schlichtheit zu erkennen gibt. 



Hier war ein Meister am Werk


Neben dem fokussierten Skript ist “The Brutalist” anzumerken, dass der Streifen der Vision seines Regisseurs zu 100 Prozent entsprungen ist. Jedes Departement von der Produktion wusste genauestens, was wie umzusetzen ist, seien es die Kostümbildner*innen, die Setdesigner*innen oder auch der großartige Cast.


Adrien Brody (“The Pianist”) ist einfach brillant in der Hauptrolle und stellt seine Vielseitigkeit als Hauptdarsteller für vielschichtige dramatische Rollen wieder unter Beweis. In seinem Spiel spiegeln sich Charme, Intelligenz und eine gewisse Unsicherheit seiner Figur wider, und zu jedem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, einen wahren Menschen vor mir zu sehen. Anscheinend ging es einigen Zuschauer*innen so, dass sie László für eine reale anstatt fiktive Figur hielten. 


Ähnlich verhält es sich mit seiner Filmpartnerin Felicity Jones (“The Theory of Everything”), die viel Feingefühl sowie Stärke in die vom Krieg gebeutelte Erszébet einbringt. Brody und Jones ist anzumerken, dass sich beide mit ihren Darstellungen gegenseitig zu Höchstleistungen motivieren konnten und ihr gemeinsames Schauspielen genossen. 


Weiterhin hervorzuheben ist Guy Pearce (“Memento”), der Van Buuren auf dem schmalen Grat zwischen Heiligen und Teufel mimt. Zwischen cholerischen Anfällen schafft es Pearce, seiner Rolle viel Zurückhaltung und gewisse aristokratische Züge zu geben. Seine manchmal sogar passiv-aggressiv anmutende Art, sich auszudrücken, sorgte für den einen oder anderen Lacher in meiner Vorstellung.   

         

Musik und Ton leisten ihren Anteil daran, dass “The Brutalist” auch filmisch ein echtes Erlebnis ist. Der Soundtrack von Daniel Blumberg (“The World to Come”) weckt mit seinem treibenden Rhythmus und der klassischen Instrumentierung Erinnerungen an Jonny Greenwoods großartige Arbeit für “There Will Be Blood”. Da es Trent Reznor und Atticus Ross unverständlicherweise zu keiner Oscar-Nominierung für “Challengers” geschafft haben, wäre Blumberg zumindest ein für mich versöhnlicher Gewinner in diesem Jahr. Darüber hinaus setzt der Film die diegetische Musik aus der Ära, Geräusche von Arbeitsmaschinen sowie Stille perfekt ein, um die Atmosphäre der Umgebung wiederzugeben. 


Besonderes Lob gilt der Kameraarbeit von Lol Crawley (“Four Lions”), der die Szenerie bildgewaltig auf Zelluloid bannte. Das Spiel mit Licht und Dunkelheit sowie die klaren Kontraste lassen beim Zuschauen tief in die Szenerie eintauchen. Jede Szene weiß, wie sie Perspektive, Kamerafahrten und Framing einsetzen muss, um die Bilder für sich sprechen zu lassen. Dabei wechseln sich fast desorientierende Bewegungen mit ruhigen Weitwinkelaufnahmen ab, die die Emotionen und Stimmungen in den Szenen geschickt kommunizieren. Neben “The Substance” und “Challengers” ist “The Brutalist” einer der bestaussehenden Filme von 2024 und wird hoffentlich dementsprechend geehrt. 



Nur kleine Schönheitsmakel in der Konstruktion 


Ohne einen Kritikpunkt geht es dann aber in meiner überschwänglichen Lobpreisung dann doch nicht. Wobei sich hier wahrscheinlich die sprichwörtlichen Geister scheiden werden. 


In einem handwerklich eigentlich perfekt umgesetzt Werk setzte Brady Corbet teilweise Künstliche Intelligenz in der Produktion ein. Zum einen kam Generative-KI zum Einsatz, um Lászlós Zeichnungen anzufertigen. Das sparte sicherlich Zeit und Geld, und da es sich hauptsächlich um kleine Details im Hintergrund handelte, ist dies wohl zu verschmerzen. 


Anders sieht es hingegen in der Postproduktion aus, bei der KI half, den ungarischen Akzent von Brody und Jones authentischer erscheinen zu lassen.* Sicherlich kann ein schlechter Akzent die Darstellung einer Schauspielerin oder eines Schauspielers runterziehen beziehungsweise sogar etwas lächerlich machen. Als ein Fan von Dialekten, Akzenten und Mundarten ließ mich dieser Fakt nach längerer Überlegung doch etwas sauer aufstoßen. Dialekt-Trainer haben eine lange Tradition in der Filmbranche, und dass sich Schauspieler*innen intensiv auf ihre Rollen vorbereiten und in das entsprechende Idiom eintauchen, gehört für mich zu diesem Job dazu. Man denke nur an Viggo Mortensen in “Eastern Promises”, der es obendrein schaffte, Ukrainisch  perfekt zu imitieren. 


*eine kleine Korrektur: KI kam zum Einsatz, um das gesprochene Ungarisch von Adrien Brody und Felicity Jones zu korrigieren, was es in diesem Falle doch sinnvoll macht

Ich hoffe, dass “The Brutalist” keinen Präzedenzfall geschaffen hat. Denn es wäre zu schade, wenn sich zukünftige Filmproduktion nur noch auf die Technologie verlassen, anstatt ihre Schauspieler*innen herauszufordern und ihnen einen wichtigen Teil ihrer Recherche abnehmen würden. Letztendlich gehört zum Dialekt noch mehr dazu, als einfach Wörter anders auszusprechen.


Einen weiteren, wenn auch winzigen Makel offenbart der Film in seiner zweiten Hälfte, die etwas den erzählerischen Fokus verliert. Lászlós Familie wird als aktive Protagonistinnen in dem Plot erst spät eingeführt, wodurch wir zwar eine Konfliktebene haben, die durchaus spannend ist, aber ein wenig von dem bisherigen, sehr konzentrierten Handlungsfortgang ablenkt. Auch einige Figurenentwicklungen kommen hier plötzlich wie aus dem Nichts, was bei einem so langem Film ein wenig unverständlich ist. Dies ist dennoch zu verschmerzen, da sich dadurch einige Figurenvertiefungen auftun und unseren Protagonisten noch erweitern.



Errichtet für die Ewigkeit


Festzuhalten bleibt, dass “The Brutalist” zu den besten und wichtigsten Filmen 2024 zählt und sich seine zahlreiche positive Kritik redlich verdient hat. Von den ungewöhnlichen Anfangs- sowie End-Credits, über die technische Umsetzung bis hin zu der einzigartigen Story, die hier erzählt wird, weist Brady Corberts alle Merkmale eines kommenden Klassikers auf. 


Sicherlich könnte die lange Laufzeit abschreckend wirken. Jedoch ist diese in der Fülle an Themen und dem Aufbau der Handlung mehr als gerechtfertigt, zumal der Streifen in keiner Minute langweilig wird, oder eine Szene überflüssig erscheint. Hinzu kommt noch, dass es sich bei der Geschichte um László um eine völlig fiktive handelt, die auch nicht auf bereits existierendem Material basiert. 


Dass eine originelle Story, die authentisch daherkommt, so fesselt und tiefgreifende Thematiken anspricht, sollte für ewig in Erinnerung gehalten werden.


Meine Bewertung: 8/10


             

 

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