Kritik: “A Different Man” – Ein absurder Blick hinter die menschliche Fassade

Was macht uns als Menschen aus? Ist es wirklich nur das Äußere, das zählt oder die inneren Werte? Diese und weitere Fragen beantwortet “A Different Man” auf eine großartige, ungewöhnliche Weise.


“ [So] wie der Mensch aussieht, wird er anjesehen", hieß es schon vor über 100 Jahren in Carl Zuckmayers Theaterstück “Der Hauptmann von Köpenick”, das auf einer wahren Berliner Begebenheit beruht. Damals schaffte es der mittellose Hochstapler Friedrich Wilhelm Voigt, den östlichen Ortsteil der heutigen Hauptstadt zu narren, indem er sich einer Offiziersuniform bemächtigte und sich als Hauptmann ausgab. Das Äußere zählt also, wenn man sich durch ein paar schicke Kleider blenden lässt. Aber was machen diejenigen unserer Gesellschaft, denen das aufgrund angeborener Makel unmöglich ist?


Ich rede hier nicht nur von dem, was wir als gemeinhin “gutaussehend” oder “unattraktiv” verstehen. Vielmehr spreche ich von denen, deren Aussehen wegen Krankheiten oder von Geburt an deformiert ist. “The Elephant Man”, einst vor mehr als 40 Jahren von David Lynch inszeniert, beschäftigte sich bereits mit dieser Thematik und zeigte die äußerst menschliche Seite eines Mannes (John Hurt), der wegen seiner Deformierungen als Kuriosität in einem viktorianischen Jahrmarkt gehalten wurde. 


Diesem vielschichtigen Thema hat sich ebenso Regisseur und Drehbuchautor Aaron Schimberg (“Chained for Life”) in “A Different Man” angenommen. Aber anders als Lynch in seinem 1980er Werk, das überraschend nüchtern erzählt wurde, ist es Schimberg, der die absurde Seite hinter der menschlichen Fassade aufdeckt. In einer faszinierenden Mischung aus Satire, Drama und existentiellen Horror beschäftigt sich der New Yorker Filmemacher mit unserer Sichtweise aufs Ästhetische im Alltag und in den Medien. Getragen wird das Ganze von einem herausragenden Hauptdarsteller, der sich auf eine Oscar-Nominierung freuen dürfte.                  


Ein kleines Mittelchen zum “besseren Ich”


Zur Handlung: Der erfolglose Schauspieler Edward (Sebastian Stan) lebt zurückgezogen in New York City, da er sich seines deformierten Gesichts schämt. Eine experimentelle Behandlung, für die er ausgesucht wird, verändert sein Leben jedoch auf ungeahnte Weise.


Schon zu Beginn lassen sich Ähnlichkeiten zu einer anderen Satire auf den Schönheitswahn aus diesem Jahr erkennen. Wie schon “The Substance” stellt auch “A Different Man” die Frage, wie der medizinische Fortschritt in Zeiten von Ozempic und Schönheits-OPs uns zum “perfekten Menschen” formen kann. Im Gegensatz zu Coralie Fargeats brachialer, überdrehter Herangehensweise erzählt Schimberg seine Geschichte eher ruhig und gelassen. Was nicht bedeutet, dass “A Different Man” nicht weniger surreal wäre. 


Schimberg orientiert sich eher an Charlie Kaufman und inszeniert seine Welt nur so leicht überspitzt, dass wir Edwards Verwandlung sowie die verschrobenen Haupt- und Nebenfiguren immer noch ernst nehmen können. Geschickt etabliert der Autor seine überhöhte Realität, in der Unternehmen Lehrvideos zeigen, wie mit entstellten Menschen auf der Arbeit umzugehen ist. Die Tragödie wechselt sich wie im echten Leben mit der Komödie ab, und Schimberg trifft hier in allen Szenen perfekt den Ton und hält die Balance. 


Im Verlauf des Films, besonders ab dem zweiten Akt, setzt das Skript auf subtile Weise noch einen drauf und erreicht eine interessante Meta-Ebene, die ich so nicht erwartet hätte. Ohne an dieser Stelle zu viel zu verraten, beginnt der Plot, sich nach und nach selbst auseinanderzunehmen und erzählt quasi eine Geschichte über sich selbst. Damit geht “A Different Man” noch einen Schritt weiter bei seiner Identitäts-Thematik und fragt auch danach, wie wir Menschen, insbesondere Männer, in Erzählungen sehen und was deren Rollenbilder in unserer Kultur bedeuten. Eine Kritik an dem ach so schönen Schein Hollywoods findet sich dort wieder. Die Besetzung der Hauptrolle mit dem Marvel-Star Sebastian Stan (“The Apprentice”) wirkt dabei wie ein Kommentar auf die oberflächliche Seite der Traumfabrik und ihre endlosen Superhelden-Blockbuster.



Die hässliche Seite des Schönseins… oder andersherum?


Sebastian Stan muss besonders hervorgehoben werden. Der US-Amerikaner rumänischer Herkunft beweist erneut, dass er zu den vielseitigsten und interessantesten männlichen Darstellern seiner Generation zählt. Mit hängenden Schultern und äußerst schreckhaft spielt er den unsicheren Edward, der vom Frosch zum schönen Prinzen wird. Jedoch merkt man seiner Figur auch nach der wundersamen Wandlung seine inneren Narben und emotionalen Verletzungen an. Wut, Eifersucht und Verzweiflung sind in jeder Sekunde in Stans Gesicht und Körperhaltung abzulesen. Der 42-Jährige ist in jeder Szene präsent, buchstäblich sowie im übertragenen Sinne.


Die weibliche Protagonistin gibt die Norwegerin Rita Reinsve (“Der schrecklichste Mensch der Welt”). Als Theaterregisseurin und Edwards Love-Interest Ingrid steckt sie so viel wie möglich in eine Rolle, die leider ein wenig unterkomplex bleibt. In gewisser Weise dient ihre Figur nur dazu, den zentralen Konflikt des Films zu tragen, anstatt an diesem aktiv teilzuhaben. Darüber hinaus bleibt sie aber arg unterzeichnet und wird nur wenig interessant. 


Anders sieht es da bei der männlichen Nebenrolle Oswald aus, der eine Art Antagonist oder besser gesagt “Gegenentwurf” zu Edward ist. Oswald wird von dem britischen Schauspieler Adam Pearson (“Under the Skin”) dargestellt, der tatsächlich an Neurofibromatose leidet und dessen Gesicht daher deformiert, aber auch unverkennbar ist. Schwungvoll und charismatisch spielt er Oswald, der durch sein Selbstbewusstsein und seine Liebenswürdigkeit Edward nach und nach in den Wahnsinn treibt. Fast schon überzogen charismatisch ist sein Auftreten und verleiht ab dem zweiten Akt von “A Different Man” eine gar albtraumhafte Atmosphäre, da diesem Mann scheinbar einfach alles gelingt, während Edward trotz seines neuen guten Aussehens Schwierigkeiten hat.


Wenn’s um Ästhetische geht, dürfen die Bilder natürlich nicht vergessen werden. Die fängt Kameramann Wyatt Garfield (“Beasts of the Southern Wild”) in einem grobkörnigen Look ein, der sich perfekt in die Tradition von Filmen einreiht, die in New York City spielen. Selbstverständlich dürfen in einem Streifen mit diesem Thema keine Nahaufnahmen und Snap-Zooms fehlen, die uns mit perfektem Timing direkt an dem Innenleben der Protagonist:innen teilhaben lassen. Im Gegensatz dazu ragen Sound sowie die Musik nicht unbedingt heraus, erledigen aber ihre Aufgaben und ergänzen den Gesamteindruck, den Adam Schimberg gekonnt in Szene gesetzt hat. 



Trotz kleinerer Schönheitsmakel ein Highlight des Jahres


Schlussendlich gehört “A Different Man” zu meinen filmischen Highlights des Jahres, obwohl er nicht an das bereits genannte Meisterwerk “The Substance” oder das dynamisch-energetische “Anora” rankommt. Einige blasse Nebenfiguren, ein etwas langweiliger Soundtrack und ein paar erzählerische Längen offenbaren einige wenige Makel in Schimbergs Streifen. 


Die etwas verschrobenen Welt und den ungewöhnlichen Figuren werden wohl nicht den Massengeschmack treffen. Dafür stechen aber das sehr originelle Drehbuch, eine erkennbare Vision des Regisseurs und natürlich ein herausragender Sebastian Stan als die Hauptmerkmale von “A Different Man” heraus. Obendrein gibt es sogar noch einen unerwarteten Cameo-Auftritt, bei dem ich laut auflachen musste.


“A Different Man” ist kein perfekter Film und wird nicht Popkulturgeschichte schreiben. Dennoch gehört er für mich zu einen der spannendsten Kandidaten auf ein paar Oscar-Trophäen, und wer ein Fan von den Filmen von solchen kreativen Querköpfen wie Charlie Kaufman, David Lynch oder Ari Aster ist, wird garantiert die innere Schönheit von “A Different Man” entdecken. 


Meine Bewertung: 7,5/10     





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