Kritik: “28 Years Later” – Gelungene Rückkehr einer Weltuntergangsvision
Nach mehr als 20 Jahren kehren Danny Boyle und Alex Garland in ihr verseuchtes England zurück. “28 Years Later” ist trotz kleinerer Schwächen ein gelungenes Wiedersehen mit einer Weltuntergangsvision geworden.
In meinen Erinnerungen werden die frühen 2000er Jahre eine Zeit bleiben, die von Paranoia und den gesellschaftlichen Umwälzung der Terroranschläge vom 11. September geprägt waren. Der Optimismus und der leicht gelangweilte Zeitgeist der 1990er verflogen mit einem Schlag. Es trat eine Periode der Angst ein vor weiterem Terrorismus, vor der eigenen Regierung und welche Bedrohung wohl als nächstes am Horizont aufzieht.
Genau in dieser Stimmung trafen Danny Boyle (“Trainspotting”) und ein Autorenneuling namens Alex Garland (“Warfare”) einen Nerv, als sie “28 Days Later” gemeinsam auf die Leinwand brachten. Die Geschichte um ein sich rasend schnell verbreitendes Virus, das innerhalb von nicht ganz einem Monat fast die gesamte britische Bevölkerung in blutrünstige Bestien verwandelt, spiegelte die Epoche wider. In düsteren und verpixelten Bildern erzählten Boyle und Garland eine packende apokalyptische Geschichte, die durchaus realistisch wirkte. Gedreht mit Digitalkameras wirkten die verwackelten Bilder des Horrorfilms wie die Aufnahmen, die wir nur ein Jahr zuvor aus New York City sahen. Das Mitwirken eines grandiosen Soundtracks von John Murphy (“Sunshine”) und des gesamten Casts – unter anderem Cillian Murphy (“Oppenheimer”) – machten “28 Days Later” in Rage-Virus-Geschwindigkeit zum Genre-Klassiker.
Nach einem mäßigen Sequel, “28 Weeks Later”, warteten Fans lange darauf, dass Regisseur Boyle und Drehbuchautor Garland den nächsten Zeitabschnitt des Franchise einläuteten. Das Warten hat im Sommer 2025 sein Ende, denn “28 Years Later” hat nach 23 Jahren voller Gerüchte und Hoffnungen seinen Weg in die Kinos gefunden. Mit noch mehr Themen und einer stärker sentimentalen Ebene als im Vorgänger, nimmt sich “28 Years Later” ein wenig zu viel vor, denkt sein Ende der Welt aber intelligent weiter und ist dabei erfrischend anders.
Terrence Malick mit Zombies
Zur Handlung: 28 Jahre nach dem Ausbruch des Rage-Virus sind die britischen Inseln zur Sperrzone geworden – die Überlebenden sind auf sich gestellt. Nachdem der zwölfjährige Spike (Alfie Williams) das erste Mal seine sichere Siedlung verlässt, lernt er den harten Überlebenskampf in einer erbarmungslosen Welt kennen. Doch es gibt immer noch Hoffnung auf Menschlichkeit.
Der letzte Satz meiner Zusammenfassung ist das große Thema, unter das Boyle und Garland ihren Film gestellt haben. Beide Filmemacher sind nicht nur älter, sondern erfolgreicher mit der Zeit geworden: Boyle gewann für "Slumdog Millionaire” 2009 den Oscar für beste Regie und Alex Garland reifte zum angesehenen Genre-Regisseur. Mit einer gewissen Gesetztheit im Alter (Boyle ist 68, Garland 56) reflektiert man etwas mehr über sich und die Welt, weswegen es dieses Mal darum geht, die menschliche Seite im Weltuntergang darzustellen. Wo es in “28 Days Later” sich noch mit dem zerstörerischen Drang unserer Spezies beschäftigte, sucht “28 Years Later” nach dem letzten Fünkchen Menschlichkeit, wo es keine mehr zu geben scheint.
Personifiziert wird dies im Film durch Spikes Eltern Jamie (Aaron Taylor-Johnson) und Isla (Jodie Komer). Der Vater ist ein knallharter Krieger, der seinem Sohn das Töten beibringt und ihn auf die Gefahren seiner Umgebung vorbereiten will, dabei aber einem gewissen Egoismus frönt. Seine todkranke Mutter verliert dagegen immer mehr den Bezug zur Realität, träumt sich zurück ins frühere Familienidyll und ist auf fremde Hilfe sowie emotionale Zuneigung angewiesen. Zwischen ihnen steckt Spike, der etwas naiv seinen Weg innerhalb dieses Spannungsfeldes finden muss: Wird er gezwungenermaßen früh erwachsen und ein Krieger oder behält er seine sensible Seite, in der viel Empathie schlummert? Dieser Konflikt entwickelt zum Ende einen etwas esoterischen Ansatz, der ein wenig an “The Tree of Life” von Terrence Malick erinnert: Der Vater als Personifizierung der "Natur", die Mutter als Personifizierung der "Gnade". Anfangs wirkt das noch etwas Fehl am Platz. Der erste Film zeichnete sich durch ein fast halsbrecherisches Pacing aus, das Emotionen aus der Situation heraus hervorrief, welche hauptsächlich Angst war. Die Emotionalität in “28 Years Later” ist hingegen ruhiger, fast introspektiv und entsteht durch die Figuren und ihren emotionalen Beziehungen zueinander.
Diese Herangehensweise wird eventuell nicht für jeden funktionieren, aber mich überzeugte sie. Regisseur und Autor sind älter geworden und haben sich, wie die Welt, die sie einst ersonnen haben, weiterentwickelt. Noch einmal die gleiche Geschichte zu erzählen, hätte dem Film nicht gut getan. Stattdessen beschreiten Boyle und Garland andere Wege mit ihrer eschatologischen Auseinandersetzung und befassen sich mit Themen wie Leben, Sterben, Familie und Spiritualität. Ein klein wenig tragen die beiden zu dick auf und ein der Versuch, mit den Infizierten mitzufühlen, driftet fast ins Kitschige ab. Letztendlich gelingt es dem Streifen dennoch, die Balance hinzubekommen und sich dabei nicht allzu ernst zu nehmen. Der Balanceakt ist knapp geglückt, dank dem Können aller Beteiligten.
Neue Technik, alter Stil
Auf der handwerklichen Seite hat sich “28 Years Later” nichts vorzuwerfen. Im Gegenteil: Der Film ist ein audiovisuelles Erlebnis, das dem Stil von einem Regie-Veteran wie Danny Boyle gerecht wird. Schnelle Schnitte, ungewöhnliche Kameraschwenks und immersive Bilder zeichneten den Briten schon seit seiner Anfangszeit aus und wurden zu seinem Markenzeichen. Natürlich sind diese auch in seinem neuesten Werk zu sehen.
Wie schon beim Vorgänger entschieden sich Boyle und Kameramann Anthony Dod Mantle (“Anti-Christ”) dazu, die Bilder digital einzufangen. Aber statt des Camcorders griffen sie zum iPhone 15, um die verwaschene Optik von “28 Days Later” zeitgemäß wieder aufleben zu lassen. Dank der modernen Technik des Smartphones sieht der Nachfolger noch besser aus und bietet einige optische Leckerbissen. Die Nutzung mehrerer Smartphones gleichzeitig erlaubt es auch, eine Art Bullet-Time-Effekt wie in “The Matrix” zu kreieren, die einigen Szenen mehr Intensität verleihen.
Der Sound steht dem in Nichts nach. Die Infizierten grunzen und schreien wieder aus voller Kehle, dass es einem eiskalt den Rücken herrunterläuft. Eine neue Variation von ihnen blubbert und grummelt passend zum aufgeblähten Körper. Auch die atmosphärischen Geräusche reihen sich da nahtlos ein und geben einer Welt Klang, die leer und doch so voll zu sein scheint. Die Musik stammt dieses Mal nicht von John Murphy, sondern von der Band The Young Fathers. Bestehend aus Acapella-Harmonien und Synthesizern bauen sie eine bedrohliche und hoffnungsvolle musikalische Kulisse auf, die die thematischen Schwerpunkte vertieft.
Wo wir von Kulisse sprechen: Der Streifen wurde hauptsächlich an Originalschauplätze gedreht, was sehr erfrischend ist. Nach Green-Screen-Debakeln wie “Havoc” ist es eine Freude, einen Film mit echten Umgebungen zu sehen, der CGI-Tricksereien geschickt einsetzt, um diese zu erweitern. “28 Years Later” wirkt in keiner Weise künstlich und trotz Smartphone-Kameras entsteht eine gewisse Authentizität. Damit nimmt der Streifen die dokumentarische Machart des ersten Films auf und denkt sie weiter. Während “28 Days Later” die verwackelten, hektischen Bilder vom 11. September imitierte, gleicht “28 Years Later” mehr einem Naturdokumentarfilm. Die Technik dient hier eindeutig der Story und ihrer Inhalte und nicht umgekehrt.
Auftakt einer neuer Apokalypse
Es ist “28 Years Later” anzumerken, dass er keine Fortsetzung aus finanzieller Motivation ist. Danny Boyle und Alex Garland scheint wirklich etwas daran zu liegen, die Geschichte ihrer düsteren aber dennoch hoffnungsvollen Weltuntergangsvision weiterzuspinnen. Daher sollte es wohl kaum überraschen, dass dieser Streifen der Auftakt einer neuen Trilogie ist. Beim zweiten Teil, bei dem wohl auch Cillian Murphy wieder an Bord ist, soll aber Nia DaCosta (“Candyman”) Platz auf dem Regiestuhl nehmen, während das Skript natürlich aus Garlands Feder stammt. Für den dritten und letzten Teil soll Boyle noch einmal zurückkehren.
Dementsprechend sollten sich Zuschauerinnen und Zuschauer nicht wundern, dass “28 Years Later” ein offenes Ende hat und nicht alle Fragen beantwortet. Ich kann zumindest sagen, dass meine Neugierde auf den nächsten Teil geweckt wurde, auch wenn dieser Film kein Meisterwerk wie der erste ist. Die thematische Schwere nimmt doch ein wenig die Spannung und das Grauen raus, und es mangelt an Momenten, die im Gedächtnis bleiben. Man erinnere sich nur an die Szene im Autotunnel in “28 Days Later”.
Dennoch ist die Rückkehr nach langer Zeit in diese Apokalypse gelungen. Garland und Boyle legen einen größeren Fokus auf die Weiterentwicklung ihrer einstigen Vision und die Geschichten der Menschen in ihr. Mit dem jungen Protagonisten Spike bekommen wir ein unbeschriebenes Blatt, der dieses unwirtliche Großbritannien mit all seinen Gefahren genau erst so kennenlernen muss wie wir. Er ist das ideale Vehikel, das uns weiter in diese Welt begleiten wird, von der ich mehr sehen möchte. Am Ende ist “28 Years Later” ein Genre-übergreifender und sehr unterhaltsamer Coming-of-Age-Abenteuerfilm anstatt ein Action-Horrorfilm, in dessen Sequels hoffentlich weiteres Potenzial steckt.
Meine Bewertung: 7/10
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