Kritik: “Warfare” – Krieg, so authentisch und unbequem wie er ist

 Alex Garland beweist erneut, dass er zu den kreativsten Köpfen in der aktuellen Filmwelt gehört. Mit “Warfare” bringt er einen authentischen Kriegsfilm auf die Leinwand, den wir so noch nicht gesehen haben.  

Der Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland ("Annihilation") blickt auf eine vielseitige Karriere zurück. Angefangen als Buchautor mauserte sich der Brite zum Drehbuchautor und schließlich zum Regisseur. Seine bisherige Filmografie it nicht weniger facettenreich. Dazu gehören intelligente Science-Fiction-Filme wie “Ex Machina”, der Geschlechter-Horror “Men” und zuletzt der dystopische Thriller “Civil War”. Kurzum, der Mann ist einfach ein Tausendsassa! 


Und auch mit seinem neuesten Werk “Warfare” beweist der Brite, dass er dazu in der Lage ist, so gut wie jede Idee eindrucksvoll auf Film einzufangen. Der Kriegsfilm basiert nicht nur auf wahren Begebenheit, sondern will haargenau die Erinnerungen des Ex-Soldaten Ray Mendoza und dessen ehemaliger Einheit wiedergeben. Mit Mendoza als Co-Drehbuchautor sowie Co-Regisseur ist Alex Garland ein beeindruckender Film gelungen, der Krieg so zeigt, wie er ist: Unbequem, trivial und sinnlos. 



Simpler Plot aus dem Soldatenalltag 


Zur Handlung: Im Irakkrieg des Jahres 2006 soll ein Platoon Navy Seals ein ziviles Haus sichern und von dort aus eine belebte Straße überwachen. Was als reine Routine beginnt, entwickelt sich aber zu einem Kampf ums Überleben. 


Der Plot von “Warfare” hätte nicht einfacher sein können, worin aber genau seine Stärke liegt. Garland und Mendoza konzentrieren die gesamte Handlung an einem Ort und auf einen gewissen Zeitraum, der fast in Echtzeit abläuft. Auf viele Erklärungen, warum die Soldaten ausgerechnet dort sind und was die Hintergründe der einzelnen Protagonisten sind, wird verzichtet. Stattdessen wird der Zweck der Mission gerade mal angedeutet, und die Beziehungen und Persönlichkeiten der einzelnen Soldaten werden durch ihre Handlungen beschrieben. Garland und Mendoza überlassen es ihrem Publikum, hierbei ihre Schlüsse zu ziehen, was genauso für die Botschaft des Films gilt – dazu aber später mehr. 


Vielmehr geht es “Warfare” darum, Spannung durch die Trivialiät des Einsatzes und alltäglichen Soldatenlebens aufzubauen, bevor sich alles in einer einstündigen Actionszene entlädt. Jedoch lässt der Streifen unnötige Klischees wie in gewöhnlichen Hollywoodfilmen aus. Militärische Prozeduren, die wir in den ersten 30 Minuten zu Gesicht bekommen, ziehen sich bis in die Eskalation der Handlung hinein. Jede Entscheidung und jeder Schritt der Soldaten wird minutiös mit dem passenden Jargon und Codes dargelegt. Es gibt keine Helden, die im Alleingang den Feind platt machen oder heldenhaft ihre Kameraden aus dem Kreuzfeuer ziehen. Die Schießereien zwischen den Navy Seals und den Al-Qaida-Kämpfern kommen ohne überzogene Gewalt und Action aus. Was die Faszination an “Warfare” stattdessen ausmacht, ist seine Realitätsnähe, die das Publikum in diese Situation versetzt, mit allen Emotionen. Egal ob die starke Kameradschaften zwischen den Soldaten oder die pure Verzweiflung, nicht mehr lebend aus der Situation herauszukommen, all das kommuniziert "Warfare" auf eindringliche Weise.  



Eine bombastische Inszenierung      


Das Geheimrezept von “Warfare” erzählerischer Effizienz liegt eindeutig in der Inszenierung. Alex Garlands Arbeitsweise als Regisseur ist es, auf sein Team in jedem Aspekt des Filmemachens zu hören. Das Ergebnis sind jedes Mal, auch wenn man über den Inhalt vielleicht streiten mag, hochpolierte Produktionen, in denen jedes Departement seine Stärken ausspielt. So auch in “Warfare”.


Kameramann David J. Thompsons (“Hunger Games: Catching Fire”) nutzt einen fast dokumentarischen Stil, um den inszenierten Krieg aufzunehmen. Dabei verzichtet er auf Shaky-Cam und andere bekannte Stilmittel, die das Chaos der Situation visuell vermitteln. Vielmehr bleibt Thompsons dicht an seinen Protagonisten dran, zeigt ihre Gesichter und bemüht sich, die Geschehnisse klaustrophobisch und zugleich übersichtlich darzustellen. Ein wirklich genialer Kniff dabei ist, dass wir kaum einen Blick auf die Umgebung selbst bekommen. Außenaufnahmen von Straßenzügen, die Truppenbewegungen zeigen, sind im Infrarotspektrum gehalten, die vom Flugzeug oder einer Drohne stammen sollen. Das steigert nicht nur die Authentizität, sondern auch die Spannung. In diesen Momenten sehen wir nur weiße menschliche Schemen, die sich vor einem grauen Hintergrund bewegen. 


Das Prunkstück in Garlands und Mendozas Inszenierung ist aber eindeutig der Sound. Daher lohnt es sich, “Warfare” im Kino oder zumindest mit einer richtig guten Anlage zu gucken. Schon vom ersten Shot an macht der Film klar, dass es laut wird. Jede Explosion, jede abgeschossene Salve, jeder Schrei der Soldaten, alles geht einfach durch Mark und Bein. Mein Kinosaal schepperte gerade zu, als die Action in “Warfare” richtig losging. Ein mehrmals durch die Szenerie sausender Kampfjet rundeten diese gewollte Kakophonie ab. Hinzukommen weitere kleine Kniffe, die Garlands Streifen zu einem immersiven Erlebnis machen: Funksprüche, die ständig durch die Kopfhörer von Menodzas Figur (D'Pharaoh Woon-A-Tai) laufen, Hundegebell und Scheie aus dem Hintergrund, entfernte Schüsse. All das saust einem ständig um die Ohren und tut sein Übriges daran, den Realitätsfaktor so hoch wie möglich zu halten.  


Und wenn es um Realitätsnähe geht, darf natürlich auch nicht der Cast vergessen werden. Neben Woon-A-Tai sind noch Will Poulter (“Guardians of the Galaxy Vol. 3”), Joseph Quinn (“Gladiator 2”) und viele weitere in den Rollen der Soldaten zu sehen. Sie alle liefern überzeugende Darbietungen ab, die die militärische Disziplin sowie die menschliche Seite der jungen Männer zeigen. Dem Vernehmen nach hat die gesamte Besetzung nicht nur eine kleine militärische Ausbildung gemacht, um authentisch rüberzukommen, sich ebenso mit ihren realen Vorbildern getroffen und deren Reaktionen im Film nachgestellt. Dass “Warfare” so gut funktioniert, ist damit zum großen Teil auch den wirklichen tollen Darstellern zu verdanken, denen Angst und Überforderungen während des Gefechts geradezu in den Gesichtern stehen. 



War, what is it good for…?


Es ist einem talentierten Geschichtenerzähler wie Alex Garland zu verdanken, dass “Warfare” nicht zu einem Propagandafilm verkommt. Sicherlich ist der Brite bemüht, die Ereignisse aus den Erinnerungen von Ray Mendoza so neutral wie möglich auf die Leinwand zu bringen. Dennoch ist es Garland gelungen, eine wichtige Botschaft zu vermitteln und das ohne moralischen Zeigefinger! 


In der Einfachheit seines Skripts macht “Warfare” ohne großes Drama oder belehrende Monologe deutlich, was Krieg eigentlich bedeutet. Der Stress, dem die Truppe ausgesetzt ist, ist klar zu spüren. Welche Langzeitfolgen dies haben kann, wissen wir, denn schon längst ist das Thema posttraumatische Stresssyndrom unter Soldatinnen und Soldaten kein Tabu mehr. Ebenso erinnern uns die verzweifelten Schreie und das Flehen der Verwundeten im Film daran, dass Krieg immer Spätfolgen mit sich bringt. 


Aber nicht nur die Truppe selbst wird mit den Auswirkungen des Krieges konfrontiert. Dezent aber punktgenau stellt Garland ebenfalls dar, wie die örtliche irakische Bevölkerung unter den Bedingungen des damaligen Konflikts leidet, besonders die Zivilisten. Diese sitzen unbeteiligt und ohne eine Ahnung zwischen den Fronten der US-Streitkräfte und Terroristen. Keiner möchte diesen Krieg, denn vor allen Dingen sind sie die Verlierer. Zudem verzichtet “Warfare” neben Erklärungen über die Mission, die letztendlich die Handlung in Gang setzt, ebenfalls auf ein “befriedigendes” Ende. Wir erfahren nicht, was das Ziel war und ob es überhaupt erreicht wurde. Das Einzige, das bleibt, sind Zerstörung, Verletzte und Trauma. Ohne viele Worte darüber zu verlieren, lassen Alex Garland und sein Co-Regisseur das Publikum vielleicht etwas verwundert zurück, aber das ist letztendlich die Quintessenz des Krieges. Am Ende gibt es keine patriotischen Helden, die die bösen Feinde geschlagen haben. Es bleibt nur eine fragende Leere, wozu das alles überhaupt nötig war? 



Eine Erfahrung im Kinosaal


Wer noch die Chance hat, “Warfare” im Kino zu gucken, sollte das unbedingt tun. Die Intensität wird durch den richtigen Dolby-Surround-Sound eines Kinosaals noch einmal auf neues Niveau gehoben, was “Warfare” zu dem bisher spannendsten und besten Kinoerlebnis von 2025 macht. 


“Warfare” besticht neben seiner technisch brillanten Umsetzung und menschlichen Figuren durch eine einfache, aber effizient vermittelte Botschaft. Die, die im Krieg am meisten leiden müssen, sind die, die in ihm kämpfen müssen, nicht die, die ihn angezettelt haben. Sicherlich bekommen wir genug schlechte Nachrichten über Kriege jeden Tag zu sehen und zu hören. Aber um die ungeschminkte Realität aus sicherer Entfernung zu erleben, lohnt sich eine Sichtung. Eskapismus ist manchmal auch nicht die beste Art, mit unangenehmen Themen umzugehen.  


Meine Bewertung: 8/10





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