Kritik: "Civil War" – Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner weiß, warum

Das Erfolgsstudio A24 und Regisseur und Drehbuchautor Alex Garland versuchen sich an einem Kriegs-Blockbuster. Dieser erste Versuch mit einem großen Budget wäre auch fast geglückt. Aber auch nur fast.

Als Regisseur und Drehbuchautor ist Alex Garland ("Ex Machina") jemand, der sich gerne an verschiedenen Themen ausprobiert. Egal ob die Gefahren der Technologie, toxische Männlichkeit oder zerstörerische Pandemien, der Brite versteht es, aktuelle Themen in Geschichten zu verpacken, die uns den Horror der Menschheit vor Augen halten. In seinem neusten Werk "Civil War" wird Garland erstmals politisch, wenn auch nur in gewisser Weise. Das Szenario: In den Vereinigten Staaten von Amerika hat sich ein allein herrschender Präsident (Nick Offerman) die halbe Nation zum Feind gemacht. Wie es dazu kam, das bleibt uns Garland leider schuldig.

Der Verlauf der Handlung, wenn auch spannend erzählt, hinterlässt eine große Lücke, die erklären sollte, wie es zu dem doch sehr interessanten Weltuntergangsstimmung kam. Eine Machtergreifung, die mit dem Auflösen des FBIs und einer dritten Amtsperiode einherging, wird allenthalben angedeutet. Die Zuschauer*innen können oder sollen sogar diese Lücke eventuell gedanklich selbst schließen, ist doch der Regisseur, der einst als Autor mit Danny Boyles existentiellen Grübeleien "The Beach", "Sunshine" und "28 Days Later" in die Filmbranche einstieg, bekannt dafür, nicht alle Fragen beantworten zu wollen. Stattdessen überlässt er uns lieber den vier Hauptfiguren, denen wir in "Civil War" folgen. 

Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Kriegsreporter*innen (Kirsten Dunst, Cailee Spaeny, Wagner Moura und Stephen Henderson). Angeführt von der abgehärteten Fotografin Lee (Dunst), reisen die unterschiedlichen Protagonist*innen von New York nach Washington D.C., um den Präsidenten für ein letztes Interview zu befragen, bevor die Stadt erstürmt wird. Auf ihrem Weg geraten die vier immer wieder in gefährliche Situationen, in denen die Grenze von den "Guten" und den "Bösen" stets verschwimmt. So geraten sie an eine Miliz, die bedrohlich fragt, was denn für "Amerikaner" sie seien. Die Geschehnisse erleben wir ausschließlich durch die Augen unserer Held*innen, die sich manchmal etwas zu sorglos direkt in die größeren und kleineren Konflikte werfen, um den nächsten Schnappschuss zu erhaschen. Und genau hier verfängt sich leider Garlands Story. 

Sicherlich ist es kein Zufall, dass "Civil War" ausgerechnet im US-Wahljahr 2024 erscheint und die aktuelle Spaltung innerhalb der Gesellschaft der Großmacht thematisch aufgreift. Dies wird aber durch die unterschiedlichen Fraktionen, die um die Vorherrschaft kämpfen, nur angedeutet. Wir bekommen keine Motivation zu den einzelnen Bündnissen, die sich anschicken, das Weiße Haus in den Reichstag von 1945 zu verwandeln. Vielmehr widmet sich der Regisseur, der auch das Skript verfasste, den Journalist*innen und stellt ihre Doppelmoral bzw. ihre teilweise unterkühlte Teilnahme an den furchtbaren Ereignissen um sie herum dar. Das kann funktionieren, tut es aber auch nur zur Hälfte. Eine richtige Ausdifferenzierung der Figuren bleibt uns Garland schuldig. Insgesamt bleiben die Protagonist*innen etwas zu blass, und man darf sich zurecht fragen, warum es uns kümmern sollte, dass diese manchmal völlig ohne Rücksicht auf Verluste mitten im Getümmel von Explosionen und Schüssen stecken. 

Das Ganze könnte man sicherlich auch als Kritik an den Medien in den USA sehen, die gerne mal weiter Öl ins Feuer gießen, anstatt vermittelnd als vierte Macht zu agieren. Aber da Garland die Figurenentwicklung in den 109 Minuten zu kurz kommen lässt, fehlt es an Verständnis für die Motivation der vier Akteure. So sitzt das Publikum zwischen den Stühlen und fragt sich letztendlich, was genau wir aus "Civil War" mitnehmen sollen. Sollen wir besser aufeinander hören, um ideologische Grenzen zu überwinden? Oder ist Gewalt doch ein probates Mittel, um sich einen diktatorischen Herrscher zu entledigen? Wie weit darf aber diese Gewalt gehen? Und welche Rolle spielen die Presse in den öffentlichen Konflikten? All diese Fragen reißt Alex Garland zwar an, geht aber nicht tief genug in die Materie, damit sich die Zuschauer*innen ein klareres Bild machen können. Eine Gemengelage, die es schwierig macht, sich wirklich in die Situation und die Figuren hineinzufühlen.

Die Immersion gelingt aber anders, ist der Film doch technisch brillant umgesetzt. Kein Wunder, denn das Erfolgsstudio A24 ("Everything Everywhere All At Once", "Moonlight") hat für "Civil War" eine Rekordsumme von 50 Millionen US-Dollar in die Produktion gesteckt. Bisher ging das Studio weniger Risiko ein und investierten lieber kleinere Summen in ihre Projekte, die sich später aber als große Hits erwiesen. Mit dem Geld weiß aber Garland gut umzugehen. Bis auf ein paar wenige Effekte, wenn etwa umkämpfte Städte ein bisschen zu ordentlich aussehen, lässt sich "Civil War" auf der Kinoleinwand wunderbar erleben. Die Explosionen und Schüsse zischen einem nur so um die Ohren, und die Statist*innen sowie echte und eventuell auch digital geschaffenen Kriegsmaschinen lassen einen direkt am Konflikt teilnehmen. Wie üblich hat Alex Garland auch hier mit seinen regulären Kollaborateuren zusammengearbeitet, die ihn seit seinem offiziellen Regie-Debüt "Ex Machina" begleiten. Dazu gehören auch Ben Salisbury und Portishead-/Beak-Mastermind Geoff Barrow, die den aufreibenden Soundtrack beisteuerten. Auch visuell weiß "Civil War" zu überzeugen und fängt die Situationen in rasanten Kamerafahrten oder ruhigen Shots perfekt ein. 

Alles in allem sehe ich "Civil War" als Garlands bisher schwächst Arbeit an. Was nicht heißen soll, dass der Film gescheitert wäre. Der Streifen erzeugt durchaus viel Spannung, besonders in der Schlussszene, und lässt den Zweiten Bürgerkrieg in den USA verdammt echt aussehen. Jedoch bleiben die Story und die Figuren auf der Strecke, während sich der Regisseur scheinbar etwas zu sehr auf die Inszenierung konzentriert hat als auf das Skript. Anders als das eher schwer zugängliche "Men" oder die philosophische Sci-Fi-Miniserie "Devs" aber, gibt sich "Civil War" offener für ein größeres Publikum, was auch den Kinokassenerfolg in den Vereinigten Staaten bereits beweist. Eventuell wollte sich Garland daher auch nicht festlegen, was genau er mit dem Film sagen wollte, um mit einem möglichst großen Einspielergebnis die Investition wieder reinzuholen. Trotz dieser Schwäche lohnt sich die Sichtung auf der großen Leinwand, um das Gesamterlebnis aufsaugen zu können. "Civil War" ist ein Film der zu unterhalten weiß, aber dennoch die große Frage nach dem "Warum?" aufwirft, ohne diese beantworten zu wollen. 

Bewertung: 6/10


                 
 

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