Kritik: "Mars Express" – Endlich wieder richtige Science-Fiction!

Der Animationsfilm “Mars Express” gelingt etwas, das mir seit Jahren in meinem Lieblingsgenre fehlt: Einen plausiblen Blick von der Gegenwart in eine mögliche Zukunft werfen. Wie der Streifen das schafft, erfahrt ihr hier. 


Durch die unendlichen Möglichkeiten, die Computereffekte heute zu bieten haben, sollte man meinen, dass Science-Fiction-Filme Hochkonjunktur im Kino hätten. Leider aber weit gefehlt. Das Genre, welches seit mehr als hundert Jahren uns zum Nachdenken über unsere Zukunft als Menschheit anregen soll, dient heute eher als Aufhänger für Action-Blockbuster. Oder aber, es dient als Vorlage für das tausendste Reboot, Remake oder Sequel/Prequel. Wo bleiben die Science-Fiction-Filme mit originellen Konzepten, die auch wirklich ihren Namen der “wissenschaftlichen Fiktion” verdient haben?


Sicherlich schickten sich “Ex Machina”, “Under the Skin” oder auch “Arrival” aus dem letzten Jahrzehnt an, Sci-Fi als philosophische Erzählung wieder auferstehen zu lassen. Aber auf jeden cleveren Ansatz folgen mindestens doppelt so viele plumpe. Als Beispiel wäre wohl “The Creator” zu erwähnen, der sich dem Mensch-versus-Künstliche-Intelligenz-Motiv annimmt, dabei aber nichts Neues zu erzählen oder zu zeigen hatte. Gerade dieses Thema wäre heute doch aktueller denn je und bietet so viel Raum, um unser Verhältnis mit den denkenden Maschinen zu untersuchen. Aber Hollywood sträubt sich in den letzten 20 Jahren, originelle Ideen auf die Leinwand zu bringen, die zum Nachdenken anregen. 


Also müssen es mal wieder die Europäer richten. In diesem Falle, die Franzosen. “Mars Express” entstammt dem kreativen Kopf von Jérémie Périn, der als Animationskünstler bisher in Fernsehserien und bei Musikvideos tätig war. In seinem Spielfilmdebüt entführt er uns in eine fantastisch detaillierte sowie glaubhafte Zukunftsvision, die noch lange nach der ersten Sichtung sich ins Gedächtnis der Zuschauer*innen einprägen wird. Der beste Science-Fiction-Film des Jahres, wenn nicht sogar der letzten Jahre, darf gekürt werden!



Von Menschen, Maschinen und dem Mars


Zur Handlung: Wir schreiben das Jahr 2200 und die Menschheit hat sich dank hochentwickelter KIs über das Sonnensystem ausgebreitet. In der Mars-Stadt Noctis werden die Privatdetektivin Aline Ruby und Roboter-Partner Carlos für einen Job angeheuert: Sie sollen eine brillante Programmiererin finden, die spurlos aus ihrem Studentenwohnheim verschwunden ist. Mit jeder weiteren Spur decken Aline und Carlos jedoch eine große Verschwörung auf, die weit über ihre Vorstellungskraft geht. 


In seiner Erzählweise folgt “Mars Express” dem klassischen Aufbau des Film noirs. Aline und Carlos entdecken mit jedem neuen Hinweis einen weiteren Teil des Puzzles, das sich nach und nach erst zum Schluss zusammensetzt. Der Film ist dabei nie langweilig und zeigt mit jedem weiteren Schritt etwas Neues, das uns in seine ausdifferenzierte Welt eintauchen lässt und die Handlung vertieft. Das Bemerkenswerte hierbei ist, wie effizient Regisseur Périn und sein Co-Drehbuchautor Laurent Safarti ihre Zeit nutzen. Auf gerade einmal 85 Minuten schaffen es die zwei, eine spannende Story zu erzählen, eine komplexe Zukunftsvision zu zeichnen und Figuren mit Tiefgang zu entwickeln, mit denen wir mitfühlen können. Gerade bei letzteren krankt es im Sci-Fi-Genre gewaltig. 


Aline ist eine ehemalige Veteranin, die in einem nicht weiter ausgeführten Krieg gekämpft hat und davon traumatisiert zu sein scheint, was sich in ihrem funktionalen Alkoholismus ausdrückt. Noch interessanter ist aber ihr Partner Carlos. Dieser kämpfte früher an ihrer Seite in der Armee, wurde aber nach einer Schlacht für tot erklärt. Seine Erinnerungen und Persönlichkeit sind nun als KI in einen Roboter eingespeist. An sein früheres menschliches Aussehen erinnert nur noch ein Hologramm seines Kopfes, das gespenstisch über seinen mechanischen Schultern schwebt. Der Film lässt offen, wie viel vom “echten Carlos” noch in der Maschine steckt. Seine kläglichen Annäherungsversuche an seine einstige Familie, die ihn mittlerweile verstoßen hat, lassen vermuten, dass irgendwo im Algorithmus noch etwas Menschliches steckt. Seit “Black Mirror” hat mich keine Science-Fiction-Geschichte so sehr über die Bedeutung von echten und künstlichen Bewusstsein ins Grübeln gebracht.           


Allzu viele Nebenfiguren lernen wir in “Mars Express” nicht kennen. Diese dienen meistens nur dazu, uns die Welt näher zu bringen und den Plot voranzutreiben, wie es eben in Detektivgeschichten so üblich ist. Dass sich der Film aber nur auf seine Protagonist*innen fokussiert und sich lieber übergeordneten, philosophischen Themen sowie seiner futuristischen Welt widmet, kommt ihm zugute. Es saugt einen geradezu ein, wenn man Aline und Carlos bei ihren Ermittlungen verfolgt und mit jeder Szene wuchs meine Neugier darauf, welche ausgefallene Idee mir “Mars Express” wohl als nächstes präsentieren wird. Und von denen gibt es eine ganze Menge, die besonders in den zahlreichen Robotern zu erkennen sind. 



Eine Liebeserklärung an die Science-Fiction


Seit jeher gehören Roboter zur Science-Fiction wie das Salz in die Suppe. Egal in welcher Form, sie stehen für die Krönung der menschlichen Technologie und sind damit eine Parallele zum Schöpfungsmythos. Auch “Mars Express” nimmt sich dieser komplexen Betrachtungsweise an, wobei es dem Film auf beachtliche Weise gelingt, neue Perspektiven sowie Ansätze zu liefern. 


Die Roboter im Animationsfilm sind Teil des täglichen Lebens und ihre Persönlichkeiten schwanken zwischen typisch maschinell und fast lebensecht. Die Grenzen zwischen künstlicher und natürlicher Intelligenz, wie wir sie aus heutigen Debatten kennen, verwischen mehr denn je. Interessant ist, dass sich Périn dabei nicht auf klassische Designs verlässt, die wir aus dem Genre kennen. Seine Roboter weisen teilweise humanoide Züge auf, aber auch fast abstrakte Formen, die Praktikabilität ausdrücken und ihnen eine gewisse Individualität verleihen. Auf geschickte Weise verbindet der Franzose dabei altbekannte Züge mit neuen Ideen, was beispielhaft für den gesamten Streifen steht. Selbst das schon etwas ausgelutschte Szenario einer Kolonie auf dem "roten Planeten" wirkt hier erfrischend und anders, als wir es bisher kennen.


“Mars Express” steckt selbstverständlich voller Referenzen und Anspielungen auf Klassikern der Science-Fiction, die sich schon mit dem Thema Mensch und Maschine beschäftigt haben. Aufmerksame Fans entdecken etwa Inspirationen aus “Ghost in the Shell”, “Blade Runner” oder auch der Literatur von Isaac Asimov. Anstatt aber bloß billig zu kopieren und auf einen Wiedererkennungswert zu hoffen, denken Périn und sein Team diese Konzepte weiter und stellen sie anhand aktueller Entwicklungen in der Künstliche Intelligenz in einen neuen Zusammenhang. Sicherlich erfindet an vielen Stellen “Mars Express” das Rad nicht neu, aber dafür neue Wege, wie man es anders drehen kann. 


Das ist auch die Stärke der französischen Produktion. Mit einem verhältnismäßig bescheidenen Budget von neun Millionen Euro hat der Regisseur eine einzigartige und detaillierte Welt entwickelt, die eine Hommage und Liebeserklärung an die Science-Fiction ist. Kein einziger Hauch von Zynismus oder übermäßiger Nostalgie ist “Mars Express” anzumerken. Vielmehr gelingt es dem Cyberpunk-Animationsfilm, Altbekanntes wiederzuentdecken, neu zu denken und bereits etablierte Tropen mit neuer Bedeutung und philosophischen Ansätzen zu füllen. Dass “Mars Express” in animierter Form zu bestaunen ist, hilft dem Streifen ungemein, da er viele seiner ausgefallenen visuellen Konzepte ohne zu große Restriktionen umsetzen konnte und hierbei jedoch auf technische Raffinesse und Qualität setzt. Nicht nur Sci-Fi-Fans, die sich schon bei Asimov oder Arthur C. Clark mit Robotik beschäftigten, werden an Périns Werk ihre Freude haben.



Bitte, bitte mehr davon!


Obwohl “Mars Express” nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient hätte, hoffe ich inständig, dass er sich zu einem Kultfilm entwickelt, der noch über Jahre hinweg seinen Einfluss geltend machen kann. Denn endlich traute sich jemand, Science-Fiction aus dem Sumpf der Brachial-Blockbuster und Endlos-Neuauflagen zu befreien. 


Mit wenigen Mitteln dachte Schöpfer Périn und sein Team groß und es gelang ihnen auf beeindruckende Weise, eine intellektuell stimulierende sowie visuell ansprechende Geschichte zu erzählen. Hoffentlich nehmen sich auch andere Filmemacher*innen ein Beispiel an dem für mich besten Science-Fiction-Film des bisherigen Jahrzehnts. Dann gibt es auch hoffentlich wieder mehr von einem Genre, dessen kulturhistorische Bedeutung in den Hintergrund gerückt ist. 


Meine Bewertung: 8,5/10




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