Kritik: “Alien: Romulus” – Solider Sci-Fi-Horror mit Nostalgie-Überdosis

Nach einigen unrunden Sequels und Prequels versucht Regisseur Fede Alvarez, dem “Alien”-Franchise neues Leben einzuhauchen. Das Ergebnis bietet spannende Unterhaltung, aber auch wenig neue Ideen, die zwischen Hommage und Einfallslosigkeit schwanken.


Was kann man heutzutage noch von einem “Alien”-Film erwarten? Besonders nach den “Alien vs. Predator”-Spin-Offs schien es, dass H.R. Gigers ikonisches Monster endgültig seinen Schrecken verloren und das Franchise nichts Neues mehr zu bieten hat. Auch Ridley Scott vermochte es nicht ganz, mit seinen Prequels “Prometheus” und “Alien: Covenant” Philosophie mit Horror zu verheiraten und das unheimliche Wesen auf neue Gefilde zu führen. Weder Scott noch 20th Century Fox, heute unter anderem Namen dem Disney-Konzern zugehörig, schienen nicht zu wissen, mit dem einst so beliebten aber unsteten Genre-Mix zumindest im Filmformat etwas anzufangen. Nachdem auch ein Pitch von “District 9”-Regisseur Neill Blomkamp, der die Teile drei sowie vier ignorieren wollte, nach anfänglicher Euphorie wieder verworfen wurde, schaffte es schließlich der uruguayische Filmemacher Fede Alvarez (“Don’t Breathe”) die Verantwortlichen von seiner Idee zu überzeugen. 


Das Ergebnis hört auf den Namen “Alien: Romulus”. Was zunächst als exklusiver Streaming-Streifen gedacht war, erschien wohl doch so erfolgversprechend, sodass der Streifen den Weg in die Kinos fand. Wird der mittlerweile neunte Film mit den Xenomorphs und dem Monster-Konzern Weyland-Yutani dem Hype und Hoffnungen gerecht? Ja, wenn auch nicht ganz. Obwohl es Alvarez gelingt, Spannung und interessante Set-Pieces in einer dichten Atmosphäre zu inszenieren, wagt “Romulus” zu wenig Neues, um sich als die Wiedergeburt des Franchise feiern zu lassen.    




Another bug-hunt 


Irgendwann zwischen den Geschehnissen von “Alien” und “Aliens”: Die junge Minenarbeiterin Rain (Cailee Spaeny) wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Weyland-Yutani-Kolonie auf einem kargen Planeten mit ihrem “Adoptivbruder”, dem Androiden Andy (David Jonsson), zu verlassen. Die Möglichkeit ergibt sich plötzlich, als ihre Freunde (u.a. Isabela Merced) sie für einen Raubüberfall auf eine ausrangierte Raumstation gewinnen, um dort ein paar wichtige Ressourcen zur Flucht zu stehlen. Dort angekommen finden sie aber etwas anderes vor, als sie sich erhofft hatten.


“Romulus” steht in seiner Erzählweise in der Tradition der Reihe: Zunächst werden die Figuren und die Welt eingeführt, dann begeben wir uns in eine neue Umgebung, die erkundet wird, und schließlich endet das ganze in einer Auseinandersetzung mit einem oder mehreren Xenomorphs. Diese Handlungsstränge kehren in der Reihe stets wieder und werden je nach Regisseur einfach neu interpretiert. Der Aufhänger, hier erstmals jüngere Figuren in den Mittelpunkt zu stellen, mag für den einen oder anderen Fan befremdlich wirken, für mich funktionierte dies aber ziemlich gut. Die Motivation der Gruppe, von ihrem sonnenlosen Planeten zu entkommen, auf dem reihenweise Arbeitsklav*innen der Weyland-Yutani Corp zugrunde gehen, ist ein interessanter Ansatz und verleiht den Figuren und dem Universum noch mehr Tiefe. Es ist geradezu deprimierend zu wissen, dass der Konzern ganze Familien in die Knechtschaft zwingt. Nur der zu sehr nach Hollywood aussehende Cast vermittelt nicht ganz, dass alle Protagonist*innen wie vom Leben gezeichnete Minenarbeiter*innen erscheinen. Ich schätze, das ist nunmal das aktuelle Kino der USA, das manchmal mehr Schein als Sein verspricht. 


Sei es drum, denn der erste Akt von “Romulus” funktioniert wunderbar und führt auf großartige Weise in diese erbarmungslose Welt ein, in der der Megakonzern Menschen ohne Rücksicht verheizt. Eine düstere Vision der Auswüchse des Kapitalismus. Die Einführung aller Figuren gelingt dagegen weniger gekonnt. Die Heldin Rain sowie der Android Andy stechen dabei heraus, wobei auch Spaeny und Jonsson die besten Darbietungen abliefern. Rain wirkt desillusioniert und abgehärtet durch ihr Leben in der Minenkolonie, und dass sie später sämtliche Überlebenstricks aus der Kiste zieht, um gegen die Xenomorphs zu bestehen, ergibt durchaus Sinn. Das Highlight ist aber David Jonssons Andy, der als ein veraltetes Modell unter Fehlfunktionen leidet und leicht autistische Züge aufweist. Sein Wandel, nachdem er später im Film ein Upgrade bekommt, ist daher umso fantastischer, wenn sich seine Sprechweise und Körperhaltung völlig verändern. Seine Persönlichkeitsänderung und sein Verhältnis zu seiner “Schwester” Rain bilden das emotionale Rückgrat des Films, das zumindest mich in den Plot eingesaugt hat. Der Rest der Figuren dient lediglich dazu, sich von den Monstern massakrieren zu lassen. Es fehlt eine Gruppendynamik, wie wir sie noch aus Teil eins und zwei kennen, und ihre Verhältnisse zueinander werden nur angedeutet. Dennoch verhalten sie sich immerhin cleverer als die Figuren aus “Prometheus” oder “Alien: Covenant” und ihr Überlebenskampf wirkte nachvollziehbarer und weniger frustrierend auf mich.  


Die eigentlichen Stars eines jeden “Alien”-Films sind aber die Xenomorphs, bei denen alles beim Alten geblieben ist, zumindest was das Design angeht. Alvarez und sein Team griffen bei den Nahaufnahmen auf Puppen und Animatronics zurück, was die Monster lebensechter rüberbringt. Nur in Großaufnahmen benutzten sie Computereffekte, um Bewegungsabläufe realistischer und tödlicher darzustellen. Hinzu kommt noch, dass Alvarez und sein Team das Wesen um ein paar Geheimnisse in ihrem Lebenszyklus erweitert haben, was sie umso interessanter als Filmmonster macht. Und auch die Facehugger erscheinen bedrohlicher denn je, die teilweise die Hauptattraktion sind und für ein paar spannungsgeladene Momente sorgen, die wir so noch nicht gesehen haben. Wie auch schon in seinen anderen Streifen gelingt es Alvarez, eine bedrohliche und klaustrophobische Kulisse zu erschaffen, die gekonnt Licht und Schatten einsetzt. Die Sets, das Sound-Design und teilweise sehr gelungene Kameraarbeit verwandeln nicht nur den ersten Akt von “Romulus” in ein Fest für Fans. Technisch ist dem Film wirklich nicht viel vorzuwerfen.



Zwischen Nostalgie und Wahnsinn 


Ab dem zweiten Akt fängt “Romulus” jedoch an, Schwächen zu offenbaren. Der kontroverse Auftritt einer bekannten Figur aus dem ersten Film, durch Deep-Fake-Technologie ermöglicht, stieß mir aufgrund des wenig überzeugenden Effekts sauer auf, obwohl deren Präsenz für mich im Kontext der Story durchaus Sinn ergab. Trotzdem wirft es wie bei “Star Wars: Rogue One” die Frage auf, ob solch eine Maßnahme ethisch vertretbar ist, wenn bereits verstorbene Schauspieler*innen digital auferstehen. Ab hier scheint es, als ob Disney als Mutterkonzern und Ridley Scott als "Alien"-Vater ein wenig zu stark ihre Finger im Spiel hatten. Denn “Alien: Romulus” verfängt sich im stetig eskalierenden Plots in zu vielen Referenzen an frühere Filme.


Das ständige Wiederholen bekannter Dialogzeilen wird nach einer Weile ermüdend und ein Rückgriff auf ein sehr ikonisches Zitate zum Ende sorgte bei mir für Augenrollen. Es ist zu schade, dass das Mouse-House kein Vertrauen in seine eigenen Produktionen hat und zu sehr auf den Nostalgiefaktor setzt. Dies war schon bei “Rogue One” der Fall, wobei “Romulus” nicht ganz so seelenlos und blutleer daherkommt. 


Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass der Streifen es den besten Filmen aus dem Franchise gleichtut und einfach mehr Risiko eingeht. Denn gerade im dritten Akt läuft die Handlung so aus dem Ruder, dass es wieder Spaß macht, dem Wahnsinn auf der Leinwand zu folgen. Dennoch vermiesen die vielen Anspielungen den Gesamteindruck von “Romulus”, der eigentlich bis dahin viele kreative und neue Konzepte um die Außerirdischen sowie Menschen in diesem Universum eingeführt hatte. Auch die Symbolik und thematischen Bezüge auf die Mythologie schlagen einen schönen Bogen zu Scotts Prequels und eröffnen gleichzeitig eine neue Ebene in der Reihe, die ohne Nostalgiegefühle ausgekommen wäre.



Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung


Letztendlich überwog bei mir doch der Unterhaltungsfaktor, und zu keiner Minute habe ich mich gelangweilt. Der Disney-Nostalgiefaktor und eine gewisse Scheu davor, einen “Alien”-Film völlig anders, etwa im Stile von “Aliens” oder “Alien 3” zu machen, ziehen mein Gesamterlebnis mit diesem Film herunter. Als Fan des gesamten Franchises, inklusive aller möglichen Ableger, fand ich aber genügend Aspekte in “Romulus”, die mir Spaß machten und mich daran erinnerten, wie das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt mein Herz eroberte.


Fede Alvarez verstand es, die Erbarmungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit dieses düsteren Zukunftsentwurf in Szene zu setzen. Die Story, ihre Erzählweise und Figuren erledigen ihren Job, auch wenn sie nicht für allzu viele Überraschungen sorgen. Einige Logikbrüche sind wie immer im Franchise vorhanden, aber mittlerweile sollte man sich daran gewöhnt haben. “Alien” erfindet sich wie seine titelgebenden Monster immer wieder neu und bricht dabei Regeln. 


Jedoch bremsen zu viele Anspielungen und eine fehlende eigene Identität Alvarez’ Werk ständig aus, gerade wenn er Fahrt aufnimmt. Dafür funktioniert der Streifen in seinen wirklich guten Momenten am besten und überzeugt durch seinen geradlinigen Plot ohne viel Schnickschnack sowie technischer Umsetzung. Auch beweist Alvarez, dass er das Franchise liebt und versteht, und viele Fans werden sich an den zahlreichen Details und Querverbindungen zu anderen “Alien”-Medien, von den Comics bis zu Videogames, erfreuen.   


Sollte sich “Alien: Romulus” als kommerzieller Erfolg entpuppen, hoffe ich auf ein Sequel, das wieder mehr wagt und als Werk für sich stehen kann. Denn ich persönlich warte immer noch auf den einen “Alien”-Film, der sich unter den ersten dreien als Klassiker einreihen kann. Dieser ist es noch nicht. Aber was “Alien: Romulus” tatsächlich erreicht hat, ist, dass ich wieder Lust auf dieses Universum, seine Symbolik und komplexe Politik habe. Und das ist es, was einen “Alien”-Film für mich ausmacht.  


Meine Bewertung: 6/10       



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