Die Filme von Jonathan Glazer – Kreativ, kryptisch und einzigartig
Seine Filme sind experimentell und menschlich zugleich, erzählen so viel, bleiben aber dennoch geheimnisvoll. Seit Stanley Kubrick hat mich kein Filmemacher so sehr fasziniert wie Jonathan Glazer. Erfahrt, warum dieser Regisseur mich schon lange beschäftigt.
Wenn man sich die Filmografien von Regisseurinnen und Regisseuren anschaut, ergibt sich meistens ein Muster. Es wird entweder immer wieder eine ähnliche Erzählweise benutzt, Themen und Motive tauchen immer wieder auf, oder ein gewisses Genre wird bevorzugt verfilmt. Egal ob Spielberg, Cameron oder Bigelow, Filmemacher*innen bewegen sich gerne in gewohnten Mustern, die sie gemeistert haben.
Natürlich gibt es aber auch viele Regisseur*innen, die ihren Stil ändern, experimentieren und dabei auch große kreative Risiken eingehen. Einer der interessantesten Filmemacher, der sich mit jedem Werk neu erfindet, ist für mich Jonathan Glazer. Der Brite zählt gerade einmal vier Spielfilme zu seinem Oeuvre, obwohl er bereits seit 25 Jahren im Geschäft aktiv ist. Dabei liegen zwischen seinen Werken auch schon mal 10 Jahre. Handelt es sich hier etwa um einen zweiten Terrence Malick, dessen Kreativität in seiner Unstetigkeit steckt?
Mitnichten! Glazer nimmt sich für jedes seiner Projekte viel Zeit, da sie sich stets in der Umsetzung, der Herangehensweise und der Geschichte völlig unterscheiden, aber durch ihre Präzision bestechen. Jeder seiner Filme steht für sich allein und könnte gar losgelöst vom Regisseur betrachtet werden. Jonathan Glazer scheint es zu lieben, sich stets selbst herauszufordern. Dies könnte wohl auch an seinen Anfängen hinter der Kamera liegen, die in Werbeclips oder Musikvideos zu verorten sind. Ob nun Radioheads “Street Spirit” oder Jamiroquais "Virtual Insantiy”, Glazer verstand es, die Musik perfekt in Bilder zu übertragen und jedes Mal etwas visuell Neues abzuliefern. Mit seiner Filmografie verhält es sich ähnlich.
Schon seit vielen Jahren begleitet mich Jonathan Glazer durch mein Verständnis für visuelle Kunst und drei seiner Filme gehören sogar zu meiner persönlichen Sammlung. Mit dem Heimkinostart seines zweifach Oscar prämierten “The Zone of Interest” möchte ich Glazers Filmografie näher beleuchten und aufzeigen, warum mich seine Arbeiten in den Bann ziehen.
“Sexy Beast” (2000)
Ein Krimidrama mit einer Prise schwarzen Humor kennen und lieben wir wohl alle. Gerade in den späten 1990ern und den frühen 2000ern wollte fast jeder irgendwie auf der Welle, die Tarantinos “Pulp Fiction” lostrat, mitschwimmen. In einem Meer von Aufgüssen von coolen Gangstern stach aber Glazers “Sexy Beast” hervor, der das Konzept auf geniale Weise dekonstruierte.
Zum Plot: Gal (Ray Winstone) ist ein ehemaliger Profi-Safeknacker, der seinen Ruhestand in Spanien genießt. Als aber sein Ex-Kollege Don (Ben Kingsley) ihn für einen letzten Job anheuern will, gerät Gals entspanntes Leben aus den Fugen.
Das erste Mal hörte ich von “Sexy Beast” bei “Bravo TV”. Glazer war zu dem Zeitpunkt kein Unbekannter dank seiner Musikvideos, weswegen die Sendung auch seinen ersten abendfüllenden Kinofilm unter die Lupe nahm. Damals wurde selbstverständlich die herausragende Darbietung von Kingsley gelobt, der den ruchlosen Don psychopathisch und intensiv spielte. Mich faszinierten die Ausschnitte sofort, und obwohl es fast 20 Jahre dauerte, bis ich “Sexy Beast” zum ersten Mal sah, ließ mich dieser Streifen nie los.
Umso begeisterter war ich bei meiner ersten Sichtung, denn “Sexy Beast” zeichnet sich durch einen ungewöhnlichen Aufbau aus. Anstatt dass es um die Planung und Ausführung eines großen Überfalls geht, dreht sich der Film darum, wie der cholerische Don Gal unter Druck setzt, um ihn für das ganz große Ding zu gewinnen. Dafür feuert der Londoner Ganove geradezu einen ganzen Artilleriebeschuss an Beleidigungen und Demütigungen auf Gal ab. Je mehr dieser sich weigert, umso rücksichtsloser wird Don in seinem Vorgehen.
Ben Kingsley ist das absolute Highlight in “Sexy Beast”, der trotz seiner eher gewöhnlichen Statur bedrohlicher als so mancher Comic-Bösewicht wirkt. Sein starrer Blick und eine gewisse Steifheit, die durch Wutausbrüche unterbrochen wird, machen Don zu einem der besten Antagonisten der Filmgeschichte. Aber auch anderweitig überzeugt “Sexy Beast”. Die dynamischen Dialoge, in einem wundervollen Cockney-Englisch vorgetragen, sind genau so vulgär wie sie intelligent sind. Die Kameraarbeit von Ivan Bird steht in Sachen Dynamik nichts nach und fängt die Hitze Südspaniens so perfekt ein, dass beim Zuschauen einem selbst die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Das Editing nimmt den gleichen Schwung mit und weiß aber in den richtigen Szenen den Moment auslaufen zu lassen.
Im Gegensatz zu anderen Krimikomödien aus dem UK, Guy Ritchies “Snatch” sei hier als Beispiel genannt, geht es in “Sexy Beast” nicht um die coole Ganoven, die coole Dinge tun und sagen. Lieber zeigen uns Glazer und die Drehbuchautoren Louis Mellis und David Scinto die kaputten Persönlichkeiten dahinter. Don ist völlig labil und sein inneres traumatisiertes Kind übernimmt zuweilen die Kontrolle, was sich in seinen Wutausbrüchen und verstörenden Selbstgesprächen ausdrückt. Sein Boss Teddy (Ian McShane) ist ein Soziopath, der sich bis in die britische Upper-Class hochschläft, um zu bekommen, was er will. Und dazwischen steckt der sensible Gal, der trotz seiner Safeknacker-Expertise nicht für diese ruchlose Welt gemacht ist. Mit seinen Figuren steht die Krimikomödie entgegen typischer Genrevertreter, die manchmal allzu bemüht sind, ihre Protagonist*innen als zu lässig darzustellen.
All dies macht “Sexy Beast” zu einem mehr als amüsanten Film, der mit viel Witz und Tempo nie langweilig wird und wohl noch zu den menschlichsten Werken aus Jonathan Glazers Filmografie gehört.
Meine Bewertung: 8/10
Birth (2004)
Nur vier Jahre später lieferte Jonathan Glazer sein nächstes Werk ab, das zwar weniger bekannt ist, aber für viel mehr Kontroverse sorgte als “Sexy Beast”. Ebenfalls wagte sich der gebürtige Londoner in ein neues Genre: Ein psychologisches Beziehungsdrama. Wie aber üblich in Glazers Arbeiten, lässt sich auch “Birth” in keine Schublade stecken und vereint mehrere Stilrichtungen in sich.
Anna (Nicole Kidman) steht kurz davor, den New Yorker Geschäftsmann Joseph (Danny Huston) zu heiraten, obwohl sie den plötzlichen Herztod ihres ersten Ehemannes noch nicht ganz überwunden hat. Eines Tages klingt ein unbekannter Junge (Cameron Bright) an ihrer Tür und behauptet, die Reinkarnation ihres verschiedenen Gattens zu sein.
Für mich persönlich ist “Birth” Glazers schwächster Film, was vor allem daran liegt, dass sich der Streifen nicht ganz entscheiden mag, was er eigentlich aussagen möchte. Für eine Meditation über Leben, Tod und Wiedergeburt bleibt das Ende doch etwas zu eindeutig. Für eine Charakterstudie über eine von Trauer geplagte Frau verleiht der Film seiner Protagonistin zu wenig Tiefgang. Was bleibt, ist ein ständiges Hin und Her zwischen "Nein, er ist nicht mein Mann” und "Ja, er ist es!”. Als Zuschauer*in fragt man sich irgendwann, ob Kidmans Figur, wenn auch gut gespielt, einfach nur naiv oder so verzweifelt ist, auf das Gerede eines vorpubertierenden Bengels einzugehen. Auch wenn die vermeintliche Reinkarnation viele Details des Verstorbenen kennt, heißt das noch lange nicht, dass diese Informationen nicht irgendwie verfügbar gewesen wären (Spoiler: was sie letztendlich auch sind, denn der vermeintliche Wiedergeborene hat nur die persönlichen Briefe des Verstorbenen in die Hände bekommen). Und so plätschert “Birth” ein wenig dahin und selbst die berühmte Badeszene zwischen Anna und ihrem mutmaßlichen Kinder-Gatten, die beim Venedig Filmfestival für einen Skandal sorgte, ist heute den Aufreger nicht mehr wert.
Wo der Film in seinem Plot und seinen Figuren scheitert, triumphiert er aber in der gewohnten Umsetzung von Glazer, die sich sehen lässt. Ähnlich wie in Stanley Kubricks letztem Werk “Eyes Wide Shut”, in dem auch Nicole Kidman zu sehen war, spielt “Birth” im New Yorker Obschichtsmilieu. Und wie sein Vorbild Kubrick, stellt auch Glazer dieses als kalt, unnahbar und befremdlich dar. Der spärliche Einsatz von Musik erzeugt ebenso eine fast traumartige Szenerie, in der Realität und Fantasie ineinander zu verschwimmen scheinen. Die Kamera und der Schnitt übersetzen gekonnt diese Atmosphäre um und lassen das Publikum wie in einer Trance den Ereignissen folgen. Für einige mag das mitreißend sein, für andere vielleicht doch zum Einnicken.
Allzu viel habe ich leider nicht zu “Birth” zu sagen, da ich den Film nur einmal gesehen habe und er relativ schnell wieder in meinen Erinnerungen verblasste. In Glazers Filmografie sticht dieser Streifen durch seine Passivität und Mittelmäßigkeit heraus, auch wenn andere Regisseur*innen nur davon träumen können, annähernd an die technische Qualität dieses irrigen, esoterisch angehauchten Genremix zu kommen.
Meine Bewertung: 5,5/10
Under the Skin (2014)
Nach einer zehnjährigen Schaffenspause vom Spielfilm, in der sich der Regisseur stärker mit Musikvideos und Konzertfilme beschäftigte, meldete sich Jonathan Glazer eindrucksvoll mit “Under the Skin” zurück. Der philosophische Sci-Fi-Horrorfilm wurde von Fans sowie Kritiker*innen gleichermaßen gefeiert und bewies erneut Glazers Können für kryptische Geschichten, die voller versteckter Bedeutungen stecken.
In “Under the Skin” spielt Scarlett Johansson eine Außerirdische, die im grauen Glasgow auf Männerjagd geht, die anschließend in einem merkwürdigen Prozess verarbeitet werden. Nach und nach aber entdeckt sie die Menschlichkeit für sich und strebt danach, unser Gebaren und unsere Emotionen zu verstehen.
Bereits mit der ersten Einstellung stellt Jonathan Glazer klar, dass es ihm kein Anliegen ist, den Film für seine Zuschauer*innen zu erklären. “Under the Skin” eröffnet in einer komplett weißen Umgebung, in der konzentrische Kreise sich zusammensetzen, während wir Johanssons Stimme aus dem Off hören, die verschiedene Buchstaben und Wörter ohne einen Zusammenhang vor sich hin sagt. Was passiert hier überhaupt? Genau das ist es, was Glazer in seiner intelligenten Buchadaption erreichen will. Wohingegen die Vorlage von “Under the Skin”, die aus der Feder von Michael Faber stammte, ins Detail geht, wer die Fremde von einem anderen Planeten und was ihr Auftrag auf der Erde ist, lässt der Film all dies offen. Das Publikum ist selber dazu angehalten, diese Lücken zu füllen.
Dabei verlässt sich “Under the Skin” nicht auf eine dilettantische “Bring-deine-eigene-Interpretation-mit”-Herangehensweise, sondern seine Rätsel werden erst nach mehrmaligem Sehen gelöst. Oder zumindest ansatzweise gelöst. Etwa wenn Johansson eines ihrer Opfer in eine komplett schwarze Leere lockt, in der sie langsam im Boden versinken. Erst nach dem dritten, vierten Mal sehen wir, was mit den Männern eigentlich passiert. Das Schicksal, das ihnen dabei ereilt, lässt sich kaum in Worte fassen, da es so befremdlich wirkt und sich jeglicher logischer Erklärung entzieht. Es ist äußerst interessant zu erleben, wie “Under the Skin” auch hierbei die Klischees von der schönen, wehrlosen Frau umdreht und sie zur Jägerin der Männer macht, ohne dass wir das Warum dahinter kennen. Es drängt sich der Eindruck auf, einem Raubtier bei der Jagd zuzusehen. Weiterhin werden Figurendynamiken nicht erklärt und es ist uns überlassen, diese aus dem Kontext zu erörtern. Die wenigen Informationen, die uns der Film gibt, müssen reichen, um das Gesehene zu entschlüsseln.
Der genialste Aspekt an “Under the Skin” ist, dass sich Jonathan Glazer voll und ganz auf seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler und die seiner Mitstreiter*innen verlässt. Ob Kamera, Ton, Musik oder Schnitt, jede Abteilung wusste, wie sie diese rätselhafte Geschichte umzusetzen hatte. Der erste Akt wurde hauptsächlich mit versteckten Kameras und ahnungslosen Passanten gedreht, die zu Johansson, die mit einer brünetten Perücke und einem britischen Akzent wohl unerkennbar war, ins Auto stiegen. Der Film erreicht damit eine starke Authentizität und lässt uns objektiv an dem mörderischen Treiben der Protagonistin teilhaben. Umso mehr wir aber die Außerirdische kennenlernen, umso mehr nimmt die Kamera eine subjektive Perspektive ein, die ihre aufsteigenden Gefühle visuell repräsentiert. Mein persönliches Highlight ist jedoch der überragende Soundtrack von Mica Levi, der verstörend und befremdlich zugleich die Gefühle in “Under the Skin” in Musik übersetzt.
Insgesamt ist Glazers dritter Film eine einzigartige Leistung, die ohne viele Worte und Erklärungen die Zuschauer*innen auf eine nie zuvor gesehene Reise mitnimmt. “Under the Skin” ist in diesem Sinne auch ein Gesamterlebnis, das sich vor anderen Genre-Klassikern wie “2001: A Space Odyssey” oder “Alien” nicht verstecken muss.
Meine Bewertung: 9/10
The Zone of Interest (2023)
Und wieder gönnte sich Jonathan Glazer eine kreative Pause von zehn Jahren, bis er mit seinem nächsten Projekt um die Ecke kam. Und wieder mussten Fans wie ich lange darauf warten, was der kreative Brite als nächstes aushecken würde. Das Warten hatte sich aber mehr als gelohnt, denn mit dem experimentellen Holocaust-Drama “The Zone of Interest” ist ihm der bisherige Höhepunkt seiner Karriere gelungen.
In “The Zone of Interest” bekommen wir einen Ausschnitt in aus dem alltäglichen Leben von KZ-Leiter Rudolf Höß (Christian Friedel) zu sehen, der mit seiner Frau Hedwig (Sandra Hüller) und den gemeinsamen Kindern ein idyllisches Leben neben dem Vernichtungslager in Auschwitz führt.
Schon als Glazer seinen vierten Film ankündigte, war ich Feuer und Flamme. Wie würde sich ein solch ideenreicher Regisseur einem so schwierigen Thema widmen? Die Antwort bekam ich, als ich “The Zone of Interest” das erste Mal im Kino sah. Schon bei den Eröffnungscredits wusste ich, dass dieser Streifen wie kein anderer den Holocaust behandeln würde. Nicht nur das, es wurde mir auch klar, dass es auch wahrscheinlich nie einen ähnlichen Film wie diesen überhaupt geben wird. Die Art, mit der sich Glazer dem Thema der “Banalität des Bösen” und den menschlichen Makel, die Leiden anderer für unseren eigenen Wohlstand zu ignorieren, annäherte, ist als nichts anderes als meisterhaft zu bezeichnen.
Auf die perfekt getakteten 90 Minuten folgen wir der Familie Höß, die in ihrer Villa den Sommer im Kreise der Familie und Freunde verbringt. Das Drama, das sich zwischen Rudolf und Hedwig, beide übrigens hervorragend von den Akteur*innen dargestellt, ist wirklich nur mondän. Rudolf soll abkommandiert werden, Hedwig will aber in ihrer Idylle bleiben. Die beiden organisieren ein Sommerfest, Hedwig tratscht mit ihren Freundinnen bei Kaffee und Kuchen und dann kommt auch ihre Mutter mal zu Besuch. Das alles könnte vollends langweilig und unbedeutend rüberkommen, wäre da nicht das exzellente Sounddesign, das zurecht 2024 mit einem Oscar geehrt wurde. Wir erhalten nie einen Blick darauf, was sich hinter der Mauer abspielt, aber unsere eigenen Geschichtskenntnisse sollten es uns wissen lassen. Vielmehr aber sind es die Schreie, die willkürlichen Schüsse oder das ständige Brummen der Hochöfen, die uns nur erahnen lassen, welche Gräueltaten sich in dem Konzentrationslager abspielen. Der Horror entsteht so im Kopf des Zuschauers und gräbt sich tief in das Unterbewusstsein ein, wo es einen auch lange Zeit auch nicht loslässt.
Dies konterkariert “The Zone of Interest" mit seinem nüchternen Kamerablick, der die Ereignisse im Hause Höß einfängt. Glazer und sein Cinematograf Lukasz Zal entschieden sich dazu, das Alltagsdrama in der Villa hauptsächlich mit versteckten Kameras aufzunehmen, wodurch die Schauspieler*innen freier und natürlicher agieren konnten. Das Publikum nimmt hierbei eine äußerst passive Zuschauerrolle ein, die ein ewig, wie es auch Jonathan Glazer selbst sagte, an “Big Brother” erinnert. Nur in wenigen Szenen, in denen es absolut nötig erscheint, bewegt sich das Objektiv mit den Protagonist*innen, andernfalls bleibt es statisch. Hierdurch wird die Mondänität noch verstärkt und das Lager, das unheilvoll den Hintergrund der Szenerie einnimmt, in den Fokus gerückt. Beim Zusehen nimmt man quasi die Position der Höß-Familie ein, die die Verbrechen hinter ihrer Hauswand willig ignoriert. Die Matriarchin Hedwig beschreibt es am besten, als sie ihre Mutter durch den Garten führt: “Der Wein soll noch weiter an der Mauer wachsen, damit man das alles nicht mehr so sieht.”
In der Tat ist es Jonathan Glazer erneut gelungen, dass jedes Mitglied in seinem Team seine oder ihre absolute Höchstleistung bringt, was zu einem filmischen Erlebnis führte, das seine zwei Oscars (neben Bester Ton auch Bester Fremdsprachiger Film) mehr als verdient hat. Glazers Idol Stanley Kubrick hatte einst einen Streifen über den Holocaust geplant, den er aber aufgab. Kubrick, wie Glazer auch jüdischer Herkunft, empfand die Recherche als zu deprimierend und verwarf das Projekt, da es ihm unmöglich erschien, das Undarstellbare darzustellen. Sicherlich gelang Steven Spielberg mit “Schindler’s List”, diese Herausforderung zu meistern, jedoch nahm dieser seine gewohnte, emotionale Sichtweise dafür ein, indem er uns aus der Perspektive der Opfer erzählt. "The Zone of Interest" wirft uns hingegen in die Welt der Täter, ohne dass wir uns mit diesen identifizieren können. Ich kann mich nicht dem Gefühl erwehren, dass diese nüchterne und zum Nachdenken anregende Inszenierung genau die gewesen wäre, die ein Meisterregisseur wie Kubrick ebenfalls benutzt hätte. Somit ist “The Zone of Interest” für mich nicht nur der beste Film aus Jonathan Glazers noch überschauberer Filmografie, sondern auch schon jetzt ein moderner Klassiker, der die Filmwelt noch über Jahre hinweg beschäftigen wird.
Meine Bewertung: 10/10
Kommentare
Kommentar veröffentlichen