Der Ton macht den Film: Soundtracks, die für sich selbst stehen können

Musik gehört zum Film wie Salz in die Suppe. Seit jeher unterlegten Klänge das Kino, um Emotionen hervorzurufen und das Filmerlebnis zu vertiefen. Manch ein Soundtrack schafft es aber auch ohne die dazugehörigen Bilder eine ganz eigene Hörerfahrung zu sein.

Wir alle erkennen sie sofort und haben auf der Stelle Bilder im Kopf, wenn wir sie hören: Soundtracks! Von den triumphalen Fanfaren, die Indiana Jones’ Abenteuer untermalen über Star Wars’ ikonische Melodien bis hin zu Hans Zimmers “Bwaaaaah!”-Sound ist Musik ein fester Bestandteil unserer Lieblingsfilme. In vielen Fällen, wie etwa bei den bereits genannten John-Williams-Kompositionen, kann man sich diese Lieder ohne die dazugehörigen Momente gar nicht vorstellen. Die Emotionen, die diese Soundtracks auslösen, sind als Gesamteindruck einfach ein untrennbarer Teil vom Film.

Hin und wieder schaffen es jedoch Komponist*innen, etwas fast Eigenständiges zu entwickeln. Nicht wenige Soundtracks können völlig losgelöst vom Film angehört werden und erwecken eher den Eindruck eines Konzeptalbums, das ohne Bilder eine Story erzählt und seine Emotionalität behält. Fast könnte man beim Hören meinen, hier auf eine Reise mitgenommen zu werden.

Aus meiner Sicht haben bisher nicht viele Filmkomponist*innen das Kunststück fertig gebracht, einen Soundtrack als Eigenwerk stehen zu lassen. Aber als Musikliebhaber habe ich meine Auswahl an Scores, die immer mal wieder in meiner Rotation laufen. Was zeichnet sie alle aus? Keiner von ihnen stammte  von “klassischen” Filmkomponist*innen. In meiner Auflistung führe ich über ein paar meiner Lieblingssoundtracks aus, die für mich ohne bewegte Bilder funktionieren und was sie für mich ausmachen.


“The Social Network” – Trent Reznor & Atticus Ross

Ich gebe zu, bei meiner ersten Wahl bin ich voreingenommen. Denn die Komponisten Trent Reznor und Atticus Ross bilden auch meine Lieblingsband: Nine Inch Nails. Noch bevor Ross dem Ein-Mann-Projekt von Industrial-Mastermind Trent Reznor als einziges weiteres festes Mitglied beitrat, hatte ich schon drei NIN-Konzerte besucht und das ‘94er Album “The Downward Spiral” rauf und runter gehört. Umso euphorischer war ich, als ich Ende der 2000er Jahre erfuhr, dass mein Lieblingsmusiker nun unter die Filmkomponisten geht. Und das gleich auch für den genialen Regisseur David Fincher und seinen 2010 veröffentlichten “The Social Network”. Sicherlich war ich ein bisschen skeptisch darüber, wie die Geschichte von Facebook erzählt und noch dazu musikalisch untermalt werden soll. Beides gelang jedoch hervorragend! Reznors und Ross’ Musik unterstreicht mit ihrer melancholischen und minimalistischen Herangehensweise die Isolation und Entfremdung, die der Protagonist Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) bei seinem Aufstieg vom College-Studenten zum Tech-Milliardär spürt. In Songs wie dem melancholischen "Hand Covers Bruise" vereinen sich klassische Instrumente mit synthetischen Klängen und bringen das Innenleben Zuckerbergs hervor. "In The Hall of The Mountain" hingegen ist eine Neuauflage des bekannten Edvard-Grieg-Stücks und eine Hommage an Wendy Carlos' "A Clockwork Orange"-Soundtrack". Das Menschliche trifft auf das Maschinelle. Noch bevor der Soundtrack von “The Social Network” erschien, bewiesen Reznor und Ross zusammen mit anderen Gastmusikern auf dem NIN-Album “Ghosts I - V”, dass sie es verstehen, dem Industrial-Sound auf das Wichtigste zu reduzieren und in eine Ambient-Richtung zu lenken. Somit gingen die Musiker einen ersten Schritt in ihrer Erfolgsstory, die bis heute andauert und sogar zwei Oscars (für "The Social Network" und Pixars “Soul”) einbrachte.


Beste Songs: Hand Covers Bruise, In Motion, In The Halls Of The Mountain King

“Challengers” – Trent Reznor & Atticus Ross

Seit “The Social Network” ging es für Trent Reznor und Atticus Ross steil bergauf im Filmgeschäft und die Aufträge flogen nur so herein (u.a. "Gone Girl", HBOs "Watchmen"). Selbst ich als Superfan muss aber zugeben, dass die beiden nicht immer auf einem ähnlichen Niveau abliefern. Man erinnere sich bloß an das belanglose Gedudel in “Birdbox”. Was das Duo aber für Luca Guadagninos “Challengers” (Deutschlandstart: 25.4.) kreiert hat, macht mir jetzt schon große Lust auf den Streifen. Anders als bei der ersten Zusammenarbeit mit dem italienischen Regisseur ("Bones And All") und ihren anderen Arbeiten, bietet dieses Mal keine gewohnten Ambient-Klänge, sondern boomenden Techno. Gemixt vom Hamburger Electro-Produzenten und DJ Boys Noize, lädt das energetische Werk auf knapp 30 Minuten zum Raven ein und gibt einen ersten Eindruck davon, wie die Stimmung in Guadagninos Streifen sein wird. “Challengers” ist für mich die beste Arbeit, die Reznor und Ross seit langem abgeliefert haben und ich kann es kaum erwarten, das Sport-Drama mit einer Kino-Soundanlage zu erleben. Eventuell schafft es ja der ein oder andere Track sogar auf die Dancefloors dieser Welt. Passen würde es allemal.


Beste Songs: I Know, L’oeuf, Challengers, The Signal, Brutalizer


“Under the Skin” – Mica Levi

Wie würde es klingen, wenn ein Alien das erste Mal menschliche Liebe erfährt? Diese und weitere Herausforderungen musste sich die Musikerin* Mica Levi stellen, als sie mit der Vertonung von Jonathan Glazers Sci-Fi-Horror “Under the Skin” beauftragt wurde. Glazer hatte bereits vor seiner Kinokarriere sein Können als Musikvideo-Regisseur unter Beweis gestellt, weswegen der Brite ein genaues Gespür dafür hat, welche Musik zu seinen Spielfilmen passt. Levi, die auch für den spärlichen Soundtrack des Oscar-Gewinners “The Zone of Interest” verantwortlich ist, begann ihre Karriere unter dem Künstlernamen Micachu und produzierte experimentelle Popmusik. Wahrscheinlich fanden genau deshalb Levi und Glazer zusammen und erschufen mit “Under the Skin” ein audiovisuelles Meisterwerk, dessen experimentelle Musik als eine dunkle Komposition aus verzerrten Synthesizern wie von einem anderen Planeten klingt. Die elektronischen Instrumente kreischen teilweise in einem hypnotischen Rhythmus, was sich als Leitmotiv durch das Album zieht, aber stets neue Überraschungen bereit hält. Das Highlight bildet der Song “Love”, der wohl auch der bekannteste aus Mica Levis Soundtrack ist. In einer Mixtur aus warmen und gleichzeitig schiefen Synthie-Klängen erhalten die Hörer*innen einen Einblick in das emotionale Innenleben eines Wesens, das Emotionen erst kennen lernt. Ein Soundtrack, der wahrlich unter die Haut geht.


Beste Songs: Creation, Lipstick To Void, Love, Alien Loop

*Anm.: Mica Levi identifiziert sich als nicht-binär. Aus Mangel an Alternativen benutze ich aber die weiblichen Pronomen 


“A Ghost Story” – Daniel Hart  

Ich möchte vorweg nicht allzu viele Worte über “A Ghost Story” verlieren, da der Streifen seine eigene Kritik verdient. Nur soviel sei gesagt: In dem Fantasy-Drama wird weder viel gesprochen, noch sieht man viele Gesichter, von denen Gemütszustände ablesen lassen würden. Dennoch schaffte es Regisseur David Lowery (“The Green Knight”), einen Film zu drehen, der einer emotionalen Achterbahnfahrt entspricht. Neben großartigen Editing, Kameraarbeit und weiteren genialen Filmtricks ist es aber vor allem die Musik von Daniel Hart, die die Geschichte vorantreibt und uns an den Gedanken des Protagonisten teilhaben lässt. Hart ist eigentlich in der Indie-Szene verwurzelt und spielte mit Bands wie Broken Social Scene oder den Avantgarde-Legenden Swans. Seit “Ain’t Them Body Saints” ist Daniel Hart auch der Lieblingskomponist von David Lowery, und in “A Ghost Story” hat er aus meiner Sicht seinen Opus magnum geschrieben. Durch klassische Instrumente wie Geigen und Cellos und Harts Verständnis für Indie-Songwriting entstand hier etwas ganz Besonderes, das den Plot trägt. Das musikalische Thema, das sich durch das gesamte Album sowie den Film zieht, wird mit jedem neuen Song umgedeutet. Mal sind es  Streicher, die es interpretieren, mal sanfte Gitarren. Wie der Film steigert sich auch die Musik, bis sie wie in einer Operette zu ihrem Crescendo findet. Heraus sticht natürlich auch die poppige Ballade “I Get Overwhelmed”, die Hart mit seiner Band Dark Rooms eingespielt hat. Der Track kann nicht nur für sich als Popsong stehen, sondern bildet zudem das Herzstück von “A Ghost Story”. Wer den Soundtrack losgelöst vom Film hört, wird garantiert dieselben Empfindungen spüren, wie beim Schauen. Mir ging es und geht es noch immer so. 


Beste Songs: Whatever Hour You Woke, One Door Closes, I Get Overwhelmed, The Secret In The Wall, Safe Safe Safe   


“There Will Be Blood” – Jonny Greenwood 

Ein zweiter Komponist, bei dem ich nicht ganz parteiisch sein kann. Denn Jonny Greenwood ist neben seiner Tätigkeit als Filmkomponist und klassischer Dirigent auch der Lead-Gitarrist der britischen Rocklegenden von Radiohead. Dementsprechend war ich gehyped, als ich davon erfuhr, dass die Musik zu Paul Thomas Andersons Historiendrama “There Will Be Blood” aus Greenwoods Feder stammen wird. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Zuvor steuerte der Multiinstrumentalist schon die Musik zum Experimentalfilm “Bodysong” bei, die mir persönlich aber etwas zu sperrig war. Bei “There Will Be Blood” schöpfte der Brite aber aus seiner klassischen Ausbildung und erschuf einen Soundtrack, der sich auch außerhalb des hervorragenden Films als ein Eigenwerk der klassischen Musik genießen lässt. Energetische Streicher und hypnotische Percussions vertonen die innere Verkommen- und Aufgewühltheit von Protagonist Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) einfach perfekt. Das entfesselte "Proven Lands" ist das beste Beispiel dafür und wurde sogar für einen Song des Rappers MF Doom gesampelt. In seiner musikalischen Komplexität und Ausgereiftheit wirkt die Musik aus “There Will Be Blood” als würde man dem Konzert eines modernen Klassik-Künstlers beiwohnen, das in Instrumenten und Melodien eine Geschichte zu erzählen hat. Schade, dass Greenwood aufgrund eines benutzten Samples im Soundtrack bei den Oscars 2008 nicht für die Beste Filmmusik nominiert werden durfte. Es wäre verdient gewesen.


Beste Songs: Open Spaces, Prospectors Arrive, Proven Lands


“You Were Never Really Here” – Jonny Greenwood 

Ganz anders ging Jonny Greenwood seinen Beitrag für Lynne Ramseys (“We Need To Talk About Kevin”) Drama-Thriller “You Were Never Really Here” an, welcher in Deutschland den unsäglichen Titel “A Beautiful Day” bekam. Statt klassischer Instrumentierung und Komposition ließ Greenwood sein musikalisches Können aus Radiohead-Zeiten aufblitzen. Die Songs, die die Handlung um den traumatisierten Auftragskiller Joe (Joaquin Phoenix) untermalen, zeichnen sich durch virtuoses Gitarrenspiel, treibenden Beats und breitflächigen Synthesizern aus. Bei Liedern wie "Dark Streets" könnte man meinen, ein verloren geglaubtes Album seiner Band aus der “OK Computer”-/”Kid A”-Ära entdeckt zu haben. Den Soundtrack zu “You Were Never Really Here” habe ich damals noch vor der Veröffentlichung des Films gehört und war sofort Feuer und Flamme, den Streifen zu sehen. Denn schon vorab gelang Greenwoods Musik, die Höhen und Tiefen in der Stimmung der Hauptfigur nachempfinden zu lassen. Der Film steht dem Soundtrack auch in nichts nach, wird aber durch die einzigartige Musik für mich noch einmal aufgewertet. 


Beste Songs: Tree Synthesisers, Dark Streets, Dark Streets (Reprise), Nina Through The Glass


“Fight Club” – The Dust Brothers

Bevor David Fincher in Trent Reznor und Atticus Ross seine Stammkomponisten fand, probierte es der Regisseur mit verschiedenen Musikern. Für den 1999er Kultfilm “Fight Club” heuerte er noch das Produzentenduo The Dust Brothers an, die schon mit Musikgrößen wie die Beastie Boys oder Beck zusammenarbeiteten. “Fight Club” war ihr zweiter und letzter Beitrag zu einem Film nach der mäßigen Comicadaption “Spawn”. Die Musik zu “Fight Club” ist aber nicht weniger legendär als der vertrackte Film selbst. Im Stile der späten Neunziger und daher passend zur Atmosphäre sowie Aussage des satirischen Thrillers erschufen The Dust Brothers eine düstere Klangcollage, die sich am Trip Hop orientierte. Klassische Hip-Hop-Beats, Samples, Scratches und tief brummenden Synthesizern bilden das Fundament, das die Gedankenwelt des geistesgestörten Protagonisten (Edward Norton) nicht besser hätten darstellen können. Zudem passt die Künstlichkeit der zusammengeschnippelten Sounds perfekt zu Finchers kühler und distanzierter Regie. So wie auch “Fight Club” rauschhaft von einer Szene zur nächsten springt, vereinen die Tracks auf dem Soundtrack teilweise mehrere verschiedene Konzepte in sich und wechseln die Geschwindigkeiten. Der Song "This Is Your Life" wurde sogar als Single veröffentlicht, auf dem Brad Pitt in seiner Rolle als Tyler Durden gefeatured ist. Bis heute ist die Musik aus “Fight Club” mein idealer Begleiter, wenn ich konzentriert an etwas arbeiten muss oder einfach gedankenverloren durch die Straßen schlendere. Wer sich für Instrumental-HipHop und Beats à la DJ Shadow oder UNKLE begeistern kann, wird zum “Fight Club”-Soundtrack auf jeden Fall angeregt mitnicken.


Beste Songs: Who Is Tyler Durden?, Corporate World, Chemical Burn, Finding the Bomb, This Is Your Life      

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