Große Konzepte, moderate Kosten: Die Rückkehr des Mid-Budget-Films

Die letzten 20 Jahre des Kinos standen im Zeichen der teuren Blockbuster- oder günstigen Low-Budget-Produktionen. Nun aber lässt ein Trend an den Kinokassen hoffen, dass ein totgeglaubtes Format zurückkehrt: der Mid-Budget-Film.  


Einen Film zu drehen ist kein leichtes Unterfangen. Es verschlingt Zeit, Material und vor allen Dingen Geld, jede Menge Geld. Abgesehen von No-Budget-Produktionen, die man kreativen Filmstudent*innen durchgehen lässt, muss immer eine gewisse Summe hingeblättert werden, um eine Idee vor der Kamera und in der Postproduktion umzusetzen. 


Je nach Genre, Story und Konzept variieren die finanziellen Mittel, die aufgebracht werden müssen. Daher sind gerade Horrorstreifen ein probates Mittel kleinerer Studios, um mit wenig Risiko schnell mal ein paar Dollar zu machen. Große Studios hingegen pumpen gerne für Normalsterbliche unvorstellbare Summen in ihre Mega-Franchises, um so viele Fans wie möglich in die Kinositze zu bringen. Letztendlich muss sich die Investition ja lohnen. 


Mit dem Aufstieg des Streamings wurde an den Kinokassen deutlich, dass es sich fast nur noch auszahlte, mit Low-Budget-Produktion aus wenig viel zu machen, oder mit Blockbustern riesige Geldmengen noch zu vermehren. Dabei blieb jedoch ein Segment auf der Strecke, das lange Zeit das Filmgeschäft dominierte: die Mid-Budget-Filme. Bei ihnen wird zwar in großen Konzepten gedacht, aber sie kommen mit moderater Finanzierung aus. 


In Zeiten, in denen Großkonzerne wie Disney, Independent-Studios wie Blumhouse und die Streamingdienste sich als die Gelddruckmaschinen in der Unterhaltungsbranche etablierten, gingen nur noch wenige Studious das Experiment ein, bei ihren Produktionen in der Mitte anzusetzen. Der Mid-Budget-Film wurde im Angesicht des Erfolgs von Franchise-Filmen, Adaptionen und endlosen kostengünstigen Horror-Sequeln für tot erklärt. Jedoch lässt sich ein neuer Trend an den Kinokassen erkennen, weswegen ich der Frage nachgehen möchte: Gibt es doch noch Hoffnung für den Mid-Budget-Film?



Low-Budget, Mid-Budget, Big-Budget: Was heißt das überhaupt?


Zunächst einmal möchte ich ein paar Definitionen bezüglich der finanziellen Verhältnisse von Filmproduktionen klären. Wichtig ist hierbei zu beachten, dass ich erst einmal nur von den reinen Produktionskosten ausgehe und Marketing nicht dazu zähle. Dazu aber später mehr. 


Wie bereits oben angedeutet, handelt es sich bei Low-Budget-Produktionen um Filme, die mit geringen Mitteln umgesetzt werden können. Wie viel bzw. wie wenig Filmemacher*innen für diese Projekte ausgeben, ist dabei sehr unterschiedlich. Das kann schon bei ein paar Tausenden US-Dollar beginnen und sich bis zu Millionen hinziehen. Im Gegensatz zu No-Budget-Streifen ist diese Kategorie aber darauf angewiesen, ihre Kosten mindestens wieder reinzuholen, wobei das Gewinn-Verlust-Risiko relativ überschaubar ist. Zu Low-Budget-Filmen zählen vor allen Dingen Horrorfilme, Dramas, Experimental- oder auch Dokumentarfilme, die meistens auf einer eigenen Idee basieren. 


Big-Budget-Filme hingegen sind Blockbuster, die ein großes Publikum anziehen sollen. Das Preissegment beginnt bei stolzen 100 Mio. US-Dollar und geht auch darüber hinaus. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Studioproduktionen, hinter denen Disney, Warner Bros. oder Universal stecken. Bekannte Franchises wie Marvel, Star Wars oder Fast & Furious gehören in diese Kategorie, aber auch am Computer animierte Filme und Adaptionen von bekannten Stoffen wie Harry Potter oder Videospielen, die allein schon durch ihre Lizenzierung einiges an Geld verschlingen. Weitere Kosten ergeben sich durch einen Allstar-Cast, Drehorte und natürlich Spezialeffekte. Laut dem Anbieter Action VFX kosten komplexe Animationen und Computersimulationen etwa 2.000 bis 5.000 US-Dollar pro Minute. Effekte für Realfilme, beispielsweise bei Superhelden- oder Science-Fiction-Filmen, können sich sogar auf 10.000 bis 50.000 US-Dollar pro Minute belaufen. Gemessen daran, wie viele Minuten es an Computereffekten in diesen Produktionen gibt, kommt die Bezeichnung Big-Budget also nicht von Ungefähr. 


Im Gegensatz dazu liegen Mid-Budget-Filme genau in der Mitte der genannten Preissegmente. Für diese müssen Studios meistens neun bis 90 Millionen US-Dollar ausgeben. Sie können dabei auf einer originellen Idee basieren, aber auch Adaptionen sein, wobei sie sich in so gut wie allen Genres bewegen. Was sie aber auszeichnet, ist, dass hier die Regisseur*innen zwar groß denken und gewisse Freiheiten haben, aber den Aufwand überschaubar halten. Nicht selten sind die Besetzungen, Lizenzen, Computereffekte sowie Drehorte und Sets die Kostenfaktoren, wenn auch weniger aufwendig zu finanzieren. Lange Zeit dominierte diese Preisspanne das Geschäft, bis James Cameron 1994 mit seiner Action-Komödie “True Lies” erstmals die Barriere von 100 Millionen US-Dollar brach. 



Die Krise des Mid-Budget-Films


Wenn wir uns diese grobe Einteilung für Produktionen anschauen und sie mit Filmen aus den vorangegangenen Jahrzehnten vergleichen, fällt auf, dass selbst inflationsbereinigt der Großteil ein Durchschnittsbudget von 63 Millionen US-Dollar hatte. Der Mid-Budget-Film war in gewisser Weise Hollywoods Standard, von dem aber immer stärker abgerückt wurde. Die Frage stellt sich, wieso es zu dieser Entwicklung kam?


Zunächst einmal sollte erwähnt werden, dass die Produktionskosten nicht die einzigen Aspekte eines Films sind, die Geld verschlingen. Jedes Studio bzw. jeder Verleih, der den Film in Kinos und/oder Streaming vertreibt, muss auch noch für die Marketingkosten aufkommen. Das heißt Promo mit den Stars und Werbung in Kinos, im Internet, auf den Straßen usw. Ein ganz schöner Aufwand, der nochmal die Hälfte der eigentlichen Entstehungskosten entspricht. Wenn also ein Marvel-Film um die 150 Mio. US-Dollar gekostet hat, ist davon auszugehen, dass Disney weitere 75 Mio. ins Marketing pumpt. Und genau hier liegt die Crux bei Mid-Budget-Filmen.


Obwohl ein höheres Investment auch höhere Verluste bedeuten können, stecken Produzent*innen in Hollywood lieber ihre aberhunderte Millionen in Stories, die sich schon bewährt und einen Wiedererkennungswert haben. Comicfiguren besitzen bereits eine etablierte Fangemeinschaft, die ihre Held*innen nur zu gerne auf der großen Leinwand sehen wollen. Remakes, Reboots und Sequels haben dank ihrer beliebten Vorgänger einen Bonus. Und bereits seit Jahrzehnten laufende Franchises wie Star Wars oder James Bond holen sowieso locker ihre riesigen Budgets wieder rein. 


Mid-Budget-Filme haben es hingegen schwerer. Meistens handelt es sich hier um originelle Ideen oder Adaptionen von Stoffen, die bisher keinen oder einen geringen Bekanntheitsgrad aufweisen. Es erscheint zu unsicher, ob sich bei den Kosten genügend Zuschauer*innen überzeugen lassen, hierfür ihr Geld am Box-Office auszugeben. Steven Blum, der CEO von Blumhouse, geht zwar regelmäßig ein Risiko mit nicht erprobten Filmideen ein, wobei er aber nie mehr als 5 Mio. US-Dollar dafür ausgibt. Innerhalb eines oder zwei Wochenenden können Blums Produktionen im schlimmsten Fall ihre Kosten decken. Manchmal entwickeln sie sich sogar langfristig zu Erfolgen im Streaming und auf Blu-ray (auch wenn dieses Medium nur noch von Filmnerds konsumiert wird).


Beim Mid-Budget-Film schwingt immer die Sorge mit, dass die zwar moderaten Kosten nie wieder eingespielt und damit zum Verlustgeschäft werden. Nehmen wir beispielsweise Gore Verbinskis “A Cure for Wellness”. Der Horrorfilm war das erste kleinere Projekt, das der Regisseur nach der “Pirates of the Caribbean"-Reihe und dem Megaflop “Lone Ranger” übernahm. Laut Box Office Mojo stellte 20th Century Fox dafür 40 Mio. US-Dollar zur Verfügung. Obwohl Verbinski sein Können im Horrorgenre mit “The Ring” bewies und sein Händchen für Kassenerfolge beweisen konnte, ging “A Cure for Wellness” beim Publikum baden. Gerade einmal etwas mehr als die Hälfte seiner Produktionskosten nahm der Gruselstreifen ein. Und wenn wir von 20 Mio. US-Dollar fürs Marketing ausgehen, waren die Verluste sogar noch höher. 



“A Cure for Wellness” war eine Zäsur für den Mid-Budget-Film, und Studios entschlossen sich, diese lieber risikoarm im Streaming anzubieten, als sie vorher in den Lichtspielhäusern zu testen. Ein herber Verlust für Fans, die das ein oder andere Werk doch lieber auf der großen Leinwand gesehen hätten als vor dem Fernseher. Zumal diverse Genres sich vom Aussterben bedroht sahen, solange sie sich nicht im kleinen Rahmen oder im großen Bombast bewegten. Eine ebenso verfahrene Situation für ambitionierte Filmemacher*innen, die ihre Vision verwirklichen wollen. 



Franchise-Fatigue und zwei unerwartete Comebacks          


In den Jahren der Covid-Pandemie erklärten schon so manche das Kino nun für endgültig tot. Selbst wenn sie die Lockdown-Maßnahmen überleben würden, so der allgemeine Tenor, werden die Leinwände nur noch großen Event-Filmen vorbehalten sein. Zur Überraschung vieler aber vermissten doch mehr Menschen das gemeinsame Erlebnis im Vorführsaal und die weltweiten Besucherzahlen steigen seit 2022 allmählich wieder an.   


Auch ein weiterer Trend verblüffte die Filmwelt: Die unbändig scheinende Vorherrschaft der Blockbuster zeigte erste Risse. Disneys Zugpferde in 2023, “The Marvels” und “Indiana Jones & The Dial of Destiny”, blieben weit hinter den Erwartungen zurück. “Fast X”, der mittlerweile zehnte Aufguss im “Fast & Furious”-Universum, verpasste selbst mit über 700 Mio. US-Dollar Einnahmen seine Gewinngrenze. Und auch die DC-Comicverfilmung “The Flash” musste nach Jahren im Produktionslimbus eine Schlappe an den Kinokassen hinnehmen. Der Blockbuster-Schock ging sogar so weit, dass Disney seinen Marvel- und Star-Wars-Content nun zurückgefahren hat. Der Gewinner dieser Entwicklung könnten die Mid-Budget-Filme sein, wie ein aktueller Trend erhoffen lässt. 


Als Beispiel wäre hier etwa Yorgos Lanthimos’ “Poor Things” zu nennen. Nicht nur, dass die abgedrehte Romanadaption Hauptdarstellerin Emma Stone ihren zweiten Oscar einbrachte, auch am Box-Office war der visuell ansprechende Genremix ein Gewinn. Gegen ein Budget von 35 Mio. US-Dollar stehen global eingenommene 117 Mio. US-Dollar. Auch ein anderer Oscar-Gewinner entpuppte sich als profitabel, nämlich Jonathan Glazers “The Zone of Interest”. Bei geschätzten Produktionskosten von 15 Mio. US-Dollar erwirtschaftete das Holocaust-Drama fast 50 Mio. und das trotz eines schweren Themas und einer eher experimentellen Machart.          


Bisher verheißt auch das Jahr 2024 viel Gutes für Mid-Budget-Filme. So erklomm Alex Garlands “Civil War” überraschend für einige Wochen den ersten Platz der US-amerikanischen Kinocharts und hat bei einem Budget von 50 Mio. bisher fast 110 Mio. US-Dollar eingenommen. A24 ging ein Wagnis mit ihrer bisher teuersten Produktion ein, das sich Stand jetzt auszahlt. Auch das von den Kritiker*innen hochgelobte “Challenger” verzückte die Zuschauer*innen und steht nach aktuell drei Wochen nach seiner Veröffentlichung bei circa 70 Mio. US-Dollar. Sicherlich ist bei einem Budget von 50 Mio. US-Dollar noch Luft nach oben, jedoch hält sich das Liebesdrama weiterhin sportlich in den Top-Zehn und hat trotz starker Konkurrenz seine Kosten zumindest abgedeckt. 


Womöglich ist es noch zu früh, aus dieser Betrachtung erste Schlüsse zu ziehen. Dennoch machen die aktuellen Zahlen den Eindruck, dass eine gewisse Müdigkeit gegenüber den Blockbusterfilmen eingesetzt hat und sich das Publikum wieder nach originellen Filmen sehnt. 



Unterstützt mehr Mid-Budget-Filme!


Originell ist auch das Stichwort im mittleren Preissegment, denn im Gegensatz zu Blockbustern haben hier Regisseur*innen doch etwas mehr Freiheiten und können ihre Kreativität mit mehr Mitteln ausleben. Die Mega-Blockbuster müssen mit ihren Budgets von hunderten von Millionen US-Dollar an den Kinokassen performen. Zu groß sind die Investitionen der Studios, als dass in diesem Falle Filmemacher*innen einfach experimentieren oder erzählerisch andere Wege beschreiten dürfen. Häufig steht dabei gleich ein ganzes Komitee hinter den kreativen Köpfen, die das Produkt marktgerecht testen und entsprechende Anpassungen verlangen. Nur sehr wenige Auteur*innen wie bspw. Christopher Nolan (“Oppenheimer”) oder Denis Villeneuve (“Dune”) haben sich als sichere Bank erwiesen und dürfen mit solchen riesigen Summen hantieren, ohne dabei unter ständiger Beobachtung zu stehen.


Anders sieht es da beim Mid-Budget-Film aus. Sicherlich haben etwa Alex Garland, Yorgos Lanthimos oder auch Luca Guadagninio mit kleinen Etats große Erfolge gefeiert. Dass sich aber die Studios nun dazu entschlossen haben, ihnen mehr Geld anzuvertrauen und diese es nicht nur mit guten Kritiken, sondern auch mit einem satten Plus in den Kassen zurückzahlen, ist ein Vertrauensbeweis an die Filmemacher*innen und ihre Visionen. Sie dürfen wieder groß denken und ihre Vorstellungen angemessen umsetzen. 


Unterstützen wir also diese und weitere Mid-Budget-Filme, die noch in diesem Jahr und in den folgenden in den Kinos erscheinen! Denn wenn das Kino noch mehr bietet, als nur große oder kleine Stories, gewinnen nicht nur die kreativen Köpfe dahinter, sondern auch die Zuschauer*innen, die sich an einer größeren Vielfalt an Geschichten erfreuen dürfen.     

 

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