Kritik: “Weapons” – Vom packenden Beginn zur Bruchlandung

Regisseur und Autor Zach Cregger schickt sich an, das neue Gesicht des modernen Horrorfilms zu werden. Ist sein neuester Streifen “Weapons” seine Eintrittskarte in den Grusel-Olymp? Leider nicht ganz.


Eins ist sicher: Nach Jahrzehnten voller Remakes, Reboots und Franchise-Filmen dürstet das Publikum nach frischen Ideen. Und kein anderes Genre liefert diese so gekonnt in den letzten Jahren wie der Horrorfilm. Ob “Get Out”, “Hereditary” oder “The Substance”, sie alle gehören zu den Streifen der letzten Jahre, die mir zumindest am meisten im Gedächtnis blieben. Der Grund: Sie arbeiten mit großen Konzepten, die sie im kleinen Rahmen gekonnt ausführen, und sie erzählen Geschichten, die viele Themen metaphorisch verarbeiten. 


Das ist auch, was Zach Creggers (“The Whites Kids Alive”) mit seinem 2022er Schocker “Barbarian” anstrebte. Der Mix aus Grusel und schwarzem Humor ist eine Parabel auf die Gentrifizierung urbaner Orte und der hässlichen Seite, die sich hinter der schönen Fassade verbirgt. “Barbarian” war für mich ein guter, wenn auch letztendlich etwas unrunder Film, der im dritten Akt ein wenig zu sehr ins Abstruse ging. Dennoch war ich nicht nur ich neugierig darauf, was der ehemalige Komiker wohl in seinem nächsten Werk auf die Leinwand bringen würde. 


Mit “Weapons” nimmt sich Cregger in ähnlicher Herangehensweise einem neuen Thema und einer neuen Geschichte an. Der Trailer und schon vorab enthusiastisch positiv aufgenommene Pre-Screenings traten in diesem Sommer einen Hype los, den das Horror-Genre wohl seit Jordan Peeles Regiedebüt nicht mehr erlebt hatte. Ist also “Weapons” der endgültige Beweis für das Talent von Cregger und der nächste Genre-Klassiker? Meiner Meinung nach leider nicht ganz.



Zu zwei Dritteln ein Meisterwerk    


Zur Story: In einer US-amerikanischen Kleinstadt verschwinden mitten in der Nacht fast alle Kinder einer Schulklasse auf mysteriöse Weise bis auf eins. Die aufgebrachten Eltern vermuten die Klassenlehrerin Justine Gandy (Julia Garner) hinter dem Vorfall. Diese versucht, dem mysteriösen Verschwinden ihrer Klasse auf die Spur zu gehen. 


Die Prämisse von “Weapons” ist so effizient, wie sie genial ist. In bester M.-Night-Shyamalan-Manier eröffnet der Film mit einem Mysterium, das uns als Zuschauerinnen und Zuschauer die Aufgabe gibt, es zu lösen. Schon nach dem Schauen des Trailers war ich neugierig, in welche merkwürdigen und verworrenen Richtungen uns wohl diese hochemotionale Ausgangssituation führen wird. Denn der Verlust von Kindern ist nach wie vor ein heikles Thema, nicht nur in den Medien. 


Bis zum zweiten Akt gelingt es “Weapons” auch, die Aufmerksamkeit zu halten und uns tiefer in die die unheimliche Situation zu führen. Julia Garner (“The Americans” – sehr unterschätzte Serie, unbedingt schauen!) brilliert dabei als die gutmeinende Lehrerin Justine, die aber dem Alkohol zugeneigt ist und auch sonst das Chaos anzieht. Neben ihr ist auch Josh Brolin (“No Country For Old Men”) als Archer zu sehen, dem Vater von einem der verschwundenen Kinder. Der Verlust seines Sohnes schmeißt ihn völlig aus der Bahn und wie ein Besessener beginnt er, das rätselhafte Ereignis selbst lösen zu wollen. 


Achtung, leichte Spoiler voraus: Die ersten circa dreißig Minuten folgen wir den ungleichen Protagonisten, die zunächst im Konflikt sind, da Archer Justine offen verdächtigt. Nach und nach aber entdecken die beiden, dass doch etwas Unerklärliches hinter dem Verschwinden der Kinder steckt. Und gerade, als sich die Story in eine Art Mystery-Thriller entwickelt, in der zwei Normalos die Polizeiarbeit übernehmen, wechseln wir wieder die Perspektive. Nun folgen wir dem zuvor kurz eingeführten Polizisten Paul, gespielt von Alden Ehrenreich (“Hail Caesar!"), der alles andere als einen kompetenten Eindruck macht und zudem eine Affäre mit Justine hat. Und nach wenigen Minuten seiner Geschichte und Perspektive auf die Ereignisse, springen wir zu dem von ihm verhafteten Junkie James (Austin Abrams), der ebenso in die Vorkommnisse hineinstolpert. Zwei weitere Episoden aus anderer Perspektive vollenden schließlich das Schema.  


Dieser ständige Perspektivwechsel zieht sich durch die gesamte Erzählweise von “Weapons”, was anfangs noch eine wirklich clevere und ungewöhnliche Idee ist. Das Ganze erinnert dann auf einmal an “Magnolia” oder “Rashomon” und weniger an einen Noir-Thriller wie “Prisoners”. Zach Cregger benutzte diese Art des Erzählens auch schon in “Barbarian” und führt es in “Weapons” auf die nächste Stufe. Das gelingt auch eine Weile ganz gut, bis sich der Regisseur in seinen Erzählsträngen ein bisschen verrennt. 


Statt mit den Figuren das Rätsel selber zu lösen und nach und nach Hinweise zu bekommen, werden uns die Ereignisse durch eine neue Perspektive direkt präsentiert, ja fast schon erklärt. Das hätte funktionieren können, wenn Cregger seinen Fokus auf eventuell drei, höchstens vier Protagonisten eingeengt hätte. Die stets neu einsetzende Handlung wird aber ein wenig ermüdend, da die zuvor aufgebaut Spannung wieder abfällt und neue Figuren zunächst vorgestellt werden müssen. Dadurch zog sich “Weapons” für mich auch ein paar Minuten zu viel in die Länge.


Sicherlich ist ein sogenannter “Red Herring”, also die beabsichtigte Irreführung des Publikums auf eine falsche Fährte, durchaus ein interessantes Stilmittel. Aber nach einer Weile hatte ich das Gefühl, dass “Weapons” nur so um sich mit roten Herringen schmiss, um clever zu wirken. Ein konzentrierter Plot, der um die Auflösung mit wenigen zentralen Figuren bemüht ist, hätte mir da besser gefallen.   


Aus meiner Sicht sorgte die Erzählweise auch dafür, dass der Film zu früh seine zentrale Frage auflöst. Zu Beginn des dritten Akts steht fest, was passiert ist und wer für das Verschwinden der Kinder verantwortlich ist. Ab diesem Zeitpunkt war bei mir auch in gewissem Sinne die Luft raus – der Film spielte seine Karten zu offen aus. Gleichzeitig werden einige Fragen zu ausführlich erklärt, während andere auf der Strecke bleiben. Vielleicht erhoffte sich der Filmemacher, dass wir diese im Verlauf der Handlung vergessen haben? 


Allerdings muss ich sagen, dass trotz eines eher mäßigen dritten Aktes das Finale vieles wieder für mich rausgeholt hat. Der Klimax ist so herrlich überdreht und völlig absurd, dass es Spaß gemacht hat, ihn zu sehen. Dafür lohnt sich eigentlich schon der Gang ins Kino, auch wenn beispielsweise “The Substance” mit seinem überzogenen Finale noch besser landen konnte. 



Keine Vorwürfe an die Regie


Was die filmische Umsetzung betrifft, hat sich “Weapons” nichts vorzuwerfen. Zach Cregger zeigte schon in “Barbarian”, dass er ein gutes Auge für die Inszenierung hat und weiß, wie eine intensive Szene aufzubauen ist. Die meisten Momente in seinem neuen Werk haben eine gute Balance aus schaurigen Momenten und lauten Lachern. Zwar landet nicht jeder Witz, aber Humor ist letztendlich auch eine subjektive Angelegenheit. Dennoch gelingt es Cregger, den Horror dann auch atmosphärisch aufzudrehen, wenn es der Augenblick verlangt.  


Hinter der Kamera stand Larkin Seiple (“Everything Everywhere All At Once”), der es schafft, den US-amerikanischen Vorort düster, aber vertraut und zugleich surreal erscheinen zu lassen. Einige One-Takes runden die bedrohliche Kulisse hier und da ab, wobei Seiple es auch versteht, die leichteren Momente passend einzufangen. 


Das Herzstück von “Weapons” Inszenierung ist aber das Editing. Hierfür zeigte sich Joe Murphy verantwortlich, der schon mit Zach Cregger in “Barbarian” zusammenarbeitete. Die Chemie zwischen Editor und Regisseur ist zu erkennen: Murphey hat ein Gespür dafür, wie lange er eine Szene laufen lassen muss und wann es an der Zeit ist, einen harten Schnitt auf die nächste zu machen. Da Cregger in gewisser Weise sein Gimmick aus seinem vorangegangenen Film wiederholt, weiß Murphy, mit der ungewöhnlichen Erzählweise umzugehen. Auch der Wechsel von einer Tonspur auf die nächste klappt dabei hervorragend und trägt seinen Anteil an der atmosphärischen sowie stilistischen Dichte bei. 


Die Musik in “Weapons”, für die unter anderem Zach Cregger auch verantwortlich ist, war zwar präsent, aber etwas mehr einprägsam hätte sie sein können. Die Musik erinnert stark an Industrial und Synth Wave – zwei Genres, die im Horror in den letzten Jahren zum Standard wurden.



Irgendwie will das Skript nicht…


“Weapons” wird von Kritikern sowie vom Publikum gleichermaßen gefeiert. Vom Horrorfilm des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts ist die Rede. Aber wie schon beim ebenso hochgeschätzten “Sinners” aus diesem Jahr, will sich bei mir keine Euphorie einstellen. Denn in beiden Filmen landete für mich der dritte Akt einfach nicht.


Es ist sicherlich nicht einfach, eine geniale Prämisse bis zum Ende erfolgreich aus zu erzählen, aber mittlerweile ist für mich schon fast symptomatisch, dass viele Horrorfilme nicht bis zum Finale die Spannung halten können. M. Night Shyamalan kann darüber ganze Bücher schreiben. Und leider reiht sich “Weapons” genau da für mich ein, was ich bei durchweg positiven Kritiken nicht erwartet hätte. 


Die Auflösung der gesamten Story zog sich zu lange hin, während ich anfing, Logiklöcher zu finden, von denen der Streifen eine Menge hat. Sicherlich kann er von vielen mit seiner vertrackten Erzählweise ablenken, aber irgendwann war mir diese auch einfach über. Fast drängte sich mir der Eindruck auf, Zach Cregger war sich so sicher und verliebt in sein Stilmittel, dass er sich auf gewisse Automatismen verließ. Man kann dem Regisseur und Drehbuchautor auf keinen Fall ein gewisses Selbstbewusstsein bei seiner abgelieferten Arbeit absprechen, aber das scheint letztendlich größer zu sein, als sein Willen, eine runde Erzählung zu kreieren. Ebenfalls wirkte der Umgang mit einen sehr schweren Themenblock rund um Kindesmissbrauch in verschiedener zu schwer, um ihn mit teilweise zu kruden Lachern zu füllen. 


Vielleicht hätte es dem Film besser getan, circa 20 Minuten kürzer zu sein. Vielleicht wäre die Erzählung für mich runder gewesen, wenn der Twist nicht schon so früh und unspektakulär enthüllt worden wäre. Vielleicht lag es auch nur daran, dass mich mein Kinopublikum etwas genervt hat und ich deswegen jedes Mal aus dem Erlebnis rausgenommen wurde. Was es auch immer war, “Weapons” hat mich letztlich mehr frustriert, als er mir gefallen hat. Vor allen Dingen frustrierend war, das hier ein Überflieger von einem Horrorfilm irgendwo drinsteckt, der aus meiner Sicht aber zum Ende hin eine Bruchlandung hinlegt.  


Es wird auf jeden Fall spannend zu beobachten sein, ob “Weapons” auch ein zeitloses Horror-Werk im Geiste von Klassikern wie "Halloween", “Texas Chainsaw Massacre” oder “The Shining” werden wird. Aus meiner Sicht nein. Aber eventuell gelingt ja Zach Cregger in seinem nächsten Werk etwas, das mich mehr überzeugt. Allzu eilig, seinen nächsten Film zu sehen, habe ich es allerdings nicht. 


Meine Bewertung: 5,5/10 







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