Kritik: “Horizon: An American Saga” – Saga-Auftakt ohne Orientierung
Nach 20 Jahren Abstinenz vom Regiestuhl nimmt sich Kevin Costner wieder seinem Lieblingsgenre an: Westernfilme. Mit “Horizon” hat Costner sich viel vorgenommen, auch wenn der erste Teil keine Neugierde auf mehr weckt.
Wild-West-Filme sind wohl nicht tot zu kriegen. Der US-amerikanische Mythos vom Bezwingen der Natur und des Manifest Destiny, also die von Gott gewollte Ausdehnung des damals noch jungen Staatsgebietes gen Westen, findet nach wie vor seinen Weg ins Hollywoodkino. Auch wenn das Genre nicht mehr so stark dominiert wie in den 1950ern oder späten ‘80ern, erwarten Fans sehnlichst den nächsten Western-Streifen, der ihre Fantasien beflügelt. Und genau das will Regisseur und Schauspieler Kevin Costner (“Yellowstone”) mit seinem vier Filme umspannenden Epos “Horizon: An American Saga” bieten.
Der zweifache Oscarpreisträger kennt sich bestens auf diesem Gebiet aus, ist er nicht nur selber Rancher, sondern hat mit “Dances With Wolves” auch einen modernen Klassiker des Westerns inszeniert. Mein Fall war dieser Film nie, weswegen es mir auch bis heute schleierhaft bleibt, warum ausgerechnet Costner mit “Dances With Wolves” bei den Oscars 1991 abräumte. Besonders in Anbetracht, dass Martin Scorsese im selben Jahr mit seiner Mafia-Dekonstruktion “Goodfellas” ein Genre prägte. Sei’s drum, die Academy spielt nach ihren eigenen (hauptsächlich nicht nachvollziehbaren) Regeln.
Daher hatte ich wahrscheinlich gewisse Vorurteile, bevor ich für “Horizon” ins Kino ging. Immerhin wurde ich zu einer Vorführung eingeladen. Dennoch weckte Costners ambitioniertes Projekt eine gewisse Neugierde in mir, da es sich seit fast 30 Jahren in Entwicklung befand und erste Bilder zumindest auf eine ansprechende Inszenierung mit Cowboyhüten und Colts hinwiesen. Das Resultat überzeugt dann leider doch nicht, denn Costner scheint bei seinem ersten Film aus der Reihe, der gut drei Stunden dauert, vergessen zu haben, dem Plot ein Ziel zu geben.
Wo wollen wir überhaupt hin?
“Horizon” erzählt die Geschichte verschiedener Protagonist*innen, die alle den Westen der USA in den 1860er Jahren erobern wollen. Dabei folgen wir dem Einzelgänger Hayes Ellison (Costner), der sich auf eine Prostituierte (Abbey Lee) auf der Flucht einlässt, sowie weitere illustren Siedler*innen, Cowboys, Gangstern und Ordnungshütern (u.a. Sam Worthington oder Sienna Miller).
Was eine interessante episodische Erzählung aus den frühen Jahren der Vereinigten Staaten hätte werden können, verliert sich jedoch in ständig neu auftauchenden Handlungssträngen sowie Figuren. Bis zum Ende des Films werden neue Protagonist*innen eingeführt, deren Motivationen und Persönlichkeiten wir kaum kennenlernen und in deren Leben wir nicht involviert werden. Eigentlich sehr schade, denn “Horizon” beginnt verheißungsvoll mit einer längeren Sequenz, die den Überfall von Apachen auf eine Siedlung weißer Invasoren schildert. Hier zeigt Costner, zu was er als Regisseur fähig ist, wenn er sich auf einen gewissen Aspekt fokussiert.
Jedoch bleibt dieser packende Beginn das einzige Highlight des Films. Nur wenige Minuten danach kommen neue Figuren ins Spiel, deren Charakterzüge und Probleme allenthalben angedeutet werden. Und diejenigen, die sehr viel Potenzial versprechen, werden schnurstracks umgelegt. Ja, der Wilde Westen war erbarmungslos und Überraschungen im etwas angestaubten Genre tun richtig gut. Aber ein klarer Protagonist oder eine klare Protagonistin wäre angebracht gewesen. Da hilft auch nicht Costners stiller Cowboy Ellison, der zumeist stoisch durch die Gegend blickt und keine Identifikationsfläche bietet. Auf etwas Humor, Leichtigkeit oder wirkliche Konflikte wartet man auch vergebens.
Immerhin machte sich der Regisseur/Hauptdarsteller, der auch das Skript mitschrieb, die Mühe, die weiblichen Figuren nicht allzu wehrlos und klischeehaft darzustellen. Die Frauen in “Horizon” sind sehr kompetent und Überlebenskünstlerin, die dennoch nicht dem “Girl Boss”-Schema des heutigen Hollywoods unterworfen sind. Auch in technischer Hinsicht kann “Horizon” einige Pluspunkte sammeln. Die Sets und Kostüme sind großartig und die Cinematografie fängt die ungezähmte Wildnis des US-Bundesstaates Utah fantastisch ein. Umso größer war meine Enttäuschung, dass der Streifen darüber hinaus nicht mehr bietet und auf kein befriedigendes Ende zusteuert.
Ein Fall von falschem Format?
Da Costner die Saga in vier Filmen erzählt, kann und sollte er sein Pulver logischerweise nicht gleich am Anfang verschießen. Aber zumindest eine runde Geschichte zu erzählen, die Lust auf mehr macht, wäre die Voraussetzung gewesen. Daran scheitert “Horizon” leider.
Das erste Kapitel des Epos wirkt eher wie die ersten drei Episoden einer Fernsehserie, die zu einem dreistündigen Spielfilm zusammengeschnitten wurden. Wie im Serienformat üblich, reicht es nur für eine Vorstellung der Figuren, Orte sowie Handlungsstränge. Welche Motivationen sie haben, was sie prägte, wer sie wirklich sind, das alles sollen wir wahrscheinlich in den nächsten Ablegern von “Horizon” erfahren. Alles schön und gut, aber wenn jeder Streifen jeweils drei Stunden dauert und im Kino läuft, strapaziert das doch ganz schön die Geduld des Publikums.
Als Serie hätte diese Erzählweise eventuell besser funktioniert, da Zuschauer*innen doch bereitwilliger wären, für die nächste Folge dranzubleiben, anstatt jedes Mal ein Jahr zu warten. Costner schafft es auch nicht, die Story im ersten Teil so spannend und rund zu erzählen, dass ich zumindest dafür wieder ins Kino gehen werde, um zu erfahren, wie es weitergeht. Stattdessen dümpelt der Plot vor sich hin und endet in einem Finale, bei dem ich keine persönliche Investition hatte. Nichts wurde wirklich erreicht, nichts steht wirklich auf dem Spiel. Man stelle sich den ersten “Lord of the Rings”-Film vor, aber anstelle des uns bekannten Cliffhangers endet der Streifen nach drei Stunden bei der Ankunft in Bruchtal.
“Horizon” ist kein schlechter Film und Genre-Fans können ihre Freude an der tollen Ausstattung sowie der authentischen Atmosphäre haben. Als Eigenwerk und Startschuss für eine epische Kinoreihe erzeugt er aber zu wenig Interesse und bietet kaum Tiefgang, um sich wirklich noch zum Kinoevent zu mausern. Vielleicht macht’s Kapitel zwei besser, aber wohl ohne mich. Die finanziellen Vorzeichen stehen bisher auch schlecht dafür, dass Kapitel zwei von "Horizon" seinen Weg auf die große Leinwand findet. Vielleicht ist die Saga, trotz Costners Ambitionen, heutzutage besser im Streaming aufgehoben.
Wer noch mehr über die Hintergründe zu “Horizon” erfahren möchte, kann sich mein Interview mit Kevin Costner für ROLLING STONE Deutschland ansehen.
Meine Bewertung: 5/10
Kommentare
Kommentar veröffentlichen