Kritik: “Furiosa: A Mad Max Saga” – Action-Epos mit Sand im Getriebe
In “Furiosa: A Mad Max Saga” erzählt George Miller die Vorgeschichte der gleichnamigen Kriegerin. Bei teils packender Action und einem tieferen Einblick ins Mad-Max-Universums bleiben Handlung und Figuren leider auf der Strecke.
Es war im Jahr 2015, als “Mad Max: Fury Road” durch die Kinos wie ein Muscle-Car raste und Kritiker*innen sowie das Publikum gleichermaßen begeisterte. Der Lohn für den visionären Regisseur und Drehbuchautor George Miller (“Happy Feet”) waren sechs Oscars und ein Einspielergebnis von fast 400 Millionen US-Dollar. Dass dieser Riesenerfolg einer Fortsetzung bedurfte, war mehr als offensichtlich.
Umso gespannter waren Fans des postapokalyptischen Franchises, als Miller ankündigte, die Vorgeschichte über die Kriegerin Furiosa, in “Fury Road” dargestellt von Charlize Theron, zu erzählen. Sie war die eigentliche Heldin des vierten Mad-Max-Films, und ihre toughe und gleichzeitig verletzliche Art versprach ein Prequel, das sich der komplexen Entwicklung einer vielschichtigen Figur widmet. Auch die Idee, dass eine Frau der Fokus von Millers sonst von Männern dominierten Welt sein würde, machte mich neugierig, da wir damit eine völlig andere Perspektive zu Gesicht bekommen.
Auch wenn ich natürlich nicht erwartete, ein zweites ekstatisches Erlebnis wie mit “Fury Road” zu haben, wurden meine Hoffnungen leider enttäuscht. Obwohl “Furiosa: A Mad Max Saga” ein durchaus unterhaltsamer Film ist, der einige tolle Action-Set-Pieces zu bieten hat, verliert der Streifen sich in einer holprigen Handlung, die der Protagonistin kaum Tiefgang verleihen und in der Umsetzung technische Mängel aufweist.
Ein Plot mit stotterndem Motor
Die Story ist recht simpel: Als Kind wird Furiosa (Alyla Browne) aus ihrer paradiesischen Heimat von Bikern entführt und dem Warlord Dementus (Chris Hemsworth) übergeben. Der tauscht sie gegen die Herrschaft über die gigantische Ölraffinerie Gastown ein, die die Citadel von Immortan Joe (Lachy Hulme) und seine Warboys mit Benzin versorgt. Über die Jahrzehnte hinweg wächst Furiosa zur jungen Frau (Anya Taylor-Joy) heran und muss sich in einem Krieg zwischen den beiden Möchtegern-Diktatoren behaupten.
Im Gegensatz zum Vorgänger und anderen Teilen aus der Mad-Max-Reihe ist die Handlung in “Furiosa” stärker ausgebaut. Wir verfolgen unsere Heldin über mehrere Jahrzehnte hinweg und bekommen gleichzeitig zu verstehen, wie die Regeln und Gesetze der Einöde funktionieren. Das Ganze weckt dabei Erinnerungen an epochale Historienfilme wie “Ben Hur” oder “Lawrence of Arabia”, nur eben in einer fernen Zukunft.
Gleich zu Beginn wird klar, dass Miller es dieses Mal anders angeht. Statt den Film mit einer brachialen Verfolgungssequenz zu beginnen, wie es noch in den vier Vorgängern der Fall war, gleicht die erste Szene einer methodischen und präzisen Jagd. Das wirkt die ersten paar Minuten sehr spannend, läuft dann doch ein wenig zu lange und verpasst einen befriedigenden Abschluss. Dies zieht sich durch die gesamten zweieinhalb Stunden von “Furiosa”, dessen Plot nicht so wirklich in die Gänge kommt. Das Gefühl von Dringlichkeit und ein bestimmtes Ziel zu erreichen, fehlt hier. Stattdessen wechselt die Handlung von einem Ereignis aus Furiosas Leben zum nächsten und überspringt mehrere Jahre, während Zusammenhänge dazwischen nicht schlüssig erklärt werden. Dem Film fällt es nur sehr schwer, ein echtes Momentum aufzubauen und zumindest meine Aufmerksamkeit durchgängig zu halten. Manche Szenen ziehen sich unnötig hin, während andere viel zu kurz kommen.
Der Streifen weiß nicht recht, worauf er seinen Fokus legen soll: Auf die fantastische und detailverliebte postapokalyptische Welt oder die noch in “Fury Road” so faszinierende Kriegerin? In der Hauptfigur liegt aus meiner Sicht auch das größte Manko des Prequels. Furiosa ist eine recht passive Heldin, die zum größten Teil von den männlichen Figuren hin und her geschoben wird. Bis kurz vor dem Ende des Films ergreift sie kaum Eigeninitiative, während die Geschehnisse um sich herum passieren. Ebenso ist ihre Motivation nicht eindeutig. Mal erscheint es, als ob sie nur wieder in ihre Heimat will, dann aber ist sie wieder von Rachegelüsten getrieben. Einen Plan, an dem wir als Zuschauer*innen teilhaben und mit dem wir mitfiebern können, gibt es nicht. Die Dinge passieren einfach. Selbst ihr Aufstieg zur Fahrerin des War Rigs, jener legendäre Truck aus “Fury Road”, geschieht eher zufällig, statt dass dies mit Konflikten und Figurenentwicklung verbunden wäre.
Das Problem an Furiosa als Protagonist ist, dass sie sich im Verlauf des Films kaum verändert, was der löchrigen Erzählweise verschuldet sein mag. Wir erhalten kaum neue Informationen, die die Furiosa, die wir bereits kennen, in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sie war bereits immer eine kompetente Kämpferin und wächst nicht an ihren Zweifeln, an ihrem Scheitern und sie lernt auch keine neue Sichtweise kennen. Es lässt einen fragend zurück, warum Furiosa überhaupt so lange in der Citadel lebte und Immortan Joe diente. Es wird nicht einmal wirklich deutlich, warum sie später den fünf Frauen zur Flucht verhalf und Immortan verriet. All das wird allenfalls angedeutet, ohne uns aber an dem Seelenleben der tapferen Frau teilnehmen zu lassen. Und auch wenn Anya Taylor-Joy eine solide Performance bietet, schafft sie es nicht, noch mehr aus dem rauszuholen, was ihr vorgeschrieben wurde.
Einige der Nebenfiguren haben ebenso wenig Tiefgang. Der einzige Mitstreiter auf Furiosas Weg ist ihr Mentor Praetorian Jack (Tom Burke), mit dem sie eine Freundschaft aufbaut. So schnell wie diese Figur eingeführt wird, so schnell verschwindet sie auch wieder und wir bekommen kein Gefühl dafür, wie die Bindung zwischen den beiden wächst und einen Einfluss auf Furiosa hat. Immortan Joe, der gewohnt spärlich eingesetzt wird, erleben wir dieses Mal von einer anderen Seite. War er noch in “Fury Road” ein alter, gebrechlicher Mann, der im Wahn seine Frauen verfolgt, wird er hier als Taktiker und kalkulierender Herrscher dargestellt, der für seine Machtdemonstrationen links und rechts Warboys opfert. Das Highlight im Ensemble ist aber Dementus, ein herrlich überdrehter Gegenspieler zu unserer stoischen Heldin, den Chris Hemsworth mit totaler Hingabe darstellt. Wir verbringen fast mehr Zeit mit ihm als mit Furiosa, und auch wenn er manchmal zu albern rüberkommt, ist er eine willkommene Abwechslung zu den sonstigen Filmbösewichten.
In diesem Gemengelage aus langatmigen Szenen, überhasteten Plot und unterentwickelten Figuren stellt sich die Frage, was Miller und Lathouris mit ihrem Skript sagen wollen. Rache lohnt sich nicht? Strebe immer nach Freiheit? Oder doch eine feministische Botschaft, wie sich Frauen in einer Männerwelt durchsetzen können? All das bleibt zu schwammig und trägt auch nicht zur Vorgeschichte von “Fury Road” bei.
Technisch ein kleiner Rückschritt
Auch auf der technischen Seite kommt “Furiosa” leider nicht ganz an seinen Vorgänger ran. Der Film sieht zwar immer noch sehr gut aus und beeindruckende Weitwinkelaufnahmen fangen die Wüste und riesige Horden an Bikern epochal ein, jedoch fehlt gerade in den Actionszenen das letzte Quäntchen zur Immersion.
In den Momenten, in denen “Furiosa” sich in hektische Verfolgungsjagden begibt, haben die elaborierten Kamerafahrten nicht mehr den gleichen Punch. Sie wirken weniger punktgenau ausgerichtet, wenn sie ein Gesicht, einen Handgriff oder die donnernden Maschinen im Bild halten. Natürlich bekommen wir wieder die üblichen rasanten Schwenks, Zooms und Schnitte auf die Konterfeis von Anya Taylor-Joy oder Chris Hemsworth, wenn sie wild entschlossen in ihren Vehikeln durch die Wüste brettern. Aber da wir das schon aus “Fury Road” noch eleganter kennen, erweckt es hier den Eindruck, dass dieses stilistische Mittel einfach da sein muss, als dass es einen wirklichen Zweck erfüllt. “Furiosa” ist visuell ein sehr ansprechender Film, jedoch fehlt das gewisse Etwas, dass zuvor noch Kameramann John Seale ("Rainman") mitbrachte, der nun durch Simon Duggan (“The Great Gatsby”) ersetzt wurde. Zum Glück blieb der Filter gleich, der der Welt nach dem Weltuntergang einen satten pulsierenden Farbton verleiht.
Fast gleich geblieben ist auch der Soundtrack, für den sich wieder Junkie XL (“Zack Snyder’s Justice League”) verantwortlich zeichnet. Die bekannten Leitmotive aus “Fury Road” tauchen wieder auf und fügen sich eigentlich sehr gut in das Prequel ein. Schon für “The Road Warrior” recycelte Komponist Brian May (nicht der von Queen!) Melodien aus dem ersten Teil, womit “Furiosa” diese Tradition aufrechterhält. Jedoch wird Junkie XLs Musik nur spärlich verwendet und jedes Mal, wenn die bekannten Streicher in der Action ansetzen, verstummen sie auch gleich wieder. Der Eindruck, der sich mir aufdrängte, war, dass Miller sich nicht ganz entscheiden konnte, ob er die Actionszenen ohne Musik inszenieren will, um sie realistischer und rauer zu gestalten, oder doch lieber wieder den Score einsetzt, der schon “Fury Road” getragen hat.
Der wahre Schwachpunkt sind aber die Computereffekte in “Furiosa”. Es wird ja gerne behauptet, “Fury Road” hätte keine genutzt, was aber nicht stimmt. Das Werk von 2015 setzte sie geschickt ein, dass sie kaum zwischen all den praktischen Effekten und Stunts zu erkennen waren. In “Furiosa” fallen sie aber auf wie ein bunter Hund, was im Film unter anderem bei einem sehr künstlichen CGI-Hund zu erkennen ist. Selbst die zahlreichen Vehikel, die fantastisch designt sind und in die Welt passen, kommen in manchen Shots erkennbar artifiziell rüber und lassen den Film unechter wirken als die sonstigen lebensnahen Aufnahmen im Mad-Max-Franchise. Dies ist vor allem sehr störend, wenn Menschen digital ersetzt werden und sofort als solche erkennbar sind. Diese unnatürliche Physik stach zu sehr heraus und nahm mich mehrmals aus dem Streifen.
“Argh… Mediocre!”
Meine Sichtweise auf “Furiosa” erscheint vielleicht wie ein Verriss. Jedoch ist das Prequel letztendlich kein misslungener Film. Dass Miller eine andere Erzählweise benutzt und das Tempo nach der Non-Stop-Action aus dem vorherigen Teil rausnimmt, ist nicht nur mutig, sondern ebenfalls eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Blockbuster-Bombast dieser Tage.
Die spärlicher gestreuten Actionszenen bilden erneut das Highlight in Millers makaberen Universum, und besonders eine Verfolgungsjagd erinnert mit ihrer 15 Minuten Laufzeit und zahlreichen zertrümmerten Vehikeln und menschlichen Körpern an “The Road Warrior” oder “Fury Road”. Zudem sind das Setdesign sowie die Kostüme einfach klasse und lassen mit ihrem dreckigen, improvisierten und benutzten Aussehen diese Postapokalypse real aussehen. Das Highlight ist wieder einmal die Welt selbst, die George Miller schon vor 45 Jahren erdachte und in der seine postapokalyptischen Mythen spielen.
Man kann sich geradezu in endlosen Details und Kleinigkeiten der Maschinen, Siedlungen und den Menschen selbst verlieren. Zahlreiche Statist:innen, darunter teilweise Darsteller*innen mit Amputationen, füllen die nuklearen Einöde mit Leben. Gleichzeitig gibt Miller seiner Welt noch mehr Tiefgang und erweitert sie mehr um Politik und Konflikte. Alleine daraus hätte sich eine Serie im Stile von “Game of Thrones” machen lassen, die diese Details noch weiter erörtert.
“Furiosa” war jedoch insgesamt ein frustrierendes Erlebnis für mich, da das Prequel vieles sehr richtig macht, aber im Ganzen betrachtet doch das Ziel verfehlt. Ein unausgeglichenes Pacing, blasse Figuren und eine weniger perfektionistisch anmutende Umsetzung lassen diesen Vertreter aus dem Mad-Max-Kosmos nur dahinplätschern, anstatt mit emotionaler Wucht einen Eindruck zu hinterlassen. Ein bisschen mehr Spannung und Suspense sowie mehr Überraschungen hätte einem Film wie diesem, der sich stärker auf seine Handlung und Figuren konzentriert, sehr gut getan. Somit ist “Furiosa” zwar ein würdiger Teil des Franchises, der aber sein Potenzial verschenkt und nur knapp am Mittelmaß vorbeischrammt.
Bewertung: 5.5/10
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