Meine Klassiker: Possession – Wenn Liebe zum Horror wird
In der Kategorie “Meine Klassiker” möchte ich über meine Lieblingsfilme sprechen, die mich und mein Filmverständnis geprägt haben. Zum Einstieg geht es um das Body-Horror-Drama “Possession” von 1981.
Grau und hässlich wirkte Berlin Anfang der 80er Jahre. Man möchte meinen, der Regen hörte in der noch geteilten Stadt gar nicht mehr auf. In genau dieser trostlosen, zerrissenen Stadt lässt Regisseur und Drehbuchautor Andrzej Żuławski seinen Film “Possession” spielen, der eine fast unbeschreibliche Mischung aus Ehe-Drama, Psychothriller und Body-Horror ist. Wie funktioniert ein solches Werk, das die Atmosphäre eines David-Lynch-Films in Europas Mitte verfrachtet? Wahnsinnig packend und zugleich faszinierend schauerlich.
Zur Handlung: Mark (Sam Neill) arbeitet als Geheimagent in West-Berlin, seine Frau Anna (Isabelle Adjani) sowie seinen kleinen Sohn bekommt er kaum zu Gesicht. Nach seinem letzten Auftrag lässt sich der Familienvater doch wieder einmal blicken, nur um seiner Frau eiskalt die Scheidung einzureichen. Nach mehreren Wochen, in denen Mark den Trennungsschmerz im Alkohol ertränkt, kehrt er zu seiner Familie zurück, findet aber nur das gemeinsame Kind alleine und verwahrlost vor, während von Anna jede Spur fehlt. Diese hat sich einen neuen Liebhaber, einen Berliner Esoteriker, geangelt. Rasend vor Wut über ihre neue Liebschaft, aber vor allem über Annas Abwesenheit, zieht Mark postwendend wieder zurück in die gemeinsame Wohnung, um sich um den vernachlässigten Jungen zu kümmern. Anna wird prompt rausgeschmissen. Gleichzeitig beginnt Mark, ihr nachzuspionieren. Was er dabei jedoch entdeckt, sprengt sogar seine Vorstellungskraft.
“Possession” beginnt als ein äußerst intensives Ehe-Drama, das den Zerfall der Familie mit vollem Schmerz auskostet. Obwohl die Dialoge und das Verhalten der Figuren zunächst äußerst künstlich und fast surreal wirken (David Lynch lässt grüßen), werden im Fortgang der Handlung die Emotionen immer deutlicher, krasser und erdrückender. Der Konflikt, den Anna und Mark ausfechten, eskaliert mehr und mehr, und beim Zusehen schnürt es dem ein oder anderen Zuschauer die Kehle zu. So stark erinnert der Film in diesen Momenten an eigene Emotionen, die wir bei Trennungen und dem Ende einer für ewig gedachten Liebe empfunden haben. Vor allen Dingen müssen die Hauptdarsteller Isabelle Adjani und Sam Neill an dieser Stelle hervorgehoben werden. Adjani bewegt sich in ihrer Darstellung immer auf dem schmalen Grad zwischen verführerischer Femme Fatal und einem kompletten nervlichen Wrack. Besonders ihre Szene im U-Bahnhof Platz der Luftbrücke bildet das Herzstück ihrer Performance und ist eines der Höhepunkte von “Possession”. Neill hingegen startet den Film äußerst unterkühlt, fast unmenschlich. Im Verlauf des Plots fällt aber die Fassade des ach so professionellen Agenten, während er der Eifersucht verfällt. Sam Neill ist den meisten wohl noch aus “Jurassic Park” bekannt. Wer also den Neuseeländer nur aus dem Mega-Blockbuster von 1993 kennt, wird überrascht sein, welche Intensität und versteckte Seiten in seinem Schauspiel stecken.
Zu guter Letzt darf der Regisseur Andrzej Żuławski nicht unerwähnt bleiben, aus dessen Feder auch das Drehbuch stammt. Żuławski verarbeitete in “Possession” seine eigene Scheidung von seiner damaligen Ehefrau, was nicht nur der Handlung des Films anzumerken ist. Jede verbale Silbe, die Mark und Anna aufeinander abfeuern, schmerzt (Mark benutzt hier eine der besten Beleidigungen, die ich jemals in einem Film gehört habe: “For the first time you look vulgar to me”). Es wird geschrien, geweint, sogar geschlagen, und am Ende driftet die Story so stark ins Surreale, dass die emotionale Aufgewühltheit des polnischen Filmemachers geradezu spürbar wird.
Dass sich Żuławski ausgerechnet West-Berlin als Schauplatz für seine Tour de Force aussuchte, ist nicht zufällig. Die verregnete Großstadt, in der die Spuren des Krieges immer noch sichtbar waren, wird quasi zur Nebenfigur und drückt mit ihrer Tristesse und den heruntergekommenen, grau-braunen Gebäuden die Depression und Hoffnungslosigkeit einer gescheiterten Beziehung aus. Die Mauer, die Ost und West voneinander trennte, wird zum Symbol zweier entfremdeter Menschen, die ihren eigenen Kalten Krieg gegeneinander ausfechten. Żuławski drehte für seinen Film hauptsächlich an Originalschauplätzen und als Einwohner*in der Hauptstadt erfreut es einen sogar hin und wieder, bekannte Straßenzüge und Häuser Berlins wiederzuerkennen, auch wenn sie hier für Trostlosigkeit anstatt “arm aber sexy” stehen. Kameramann Bruno Nuytten ist für das Einfangen der Bilder verantwortlich und zeichnet sich durch eine fast besessene Kameraarbeit aus. Präzise und kalt wird hier die Krise von Anna und Mark eingefangen, wobei in den richtigen Momenten die Kamera genau so wieder ins Manische abdriften kann und uns an dem Geisteszustand der Protagonist*innen teilhaben lässt.
Zusammengefasst ist “Possession” ein künstlerisch anspruchsvoller Film, der verschiedene Genres in sich vereint, aber garantiert kein Crowd-Pleaser ist. Teilweise fällt es schwer, dem Untergang der Ehe von Anna und Mark zuzusehen, und vor allem zum Ende hin wird der Film immer abstrakter und bietet eventuell für einige Zuschauer*innen etwas zu abstoßende Szenen. Die Figuren wirken lebendig und ausdifferenziert, bieten jedoch wenig Fläche für Empathie. Das sollen sie aber auch nicht. Denn worum es dem Regisseur wirklich geht, ist, das Monster im Menschen zu zeigen, besonders den Menschen, den man glaubte zu lieben und so gut zu kennen wie niemand anderen. Deswegen kann ich “Possession” allen Filmliebhaber*innen ans Herz legen, die sich für surreales und forderndes Kino begeistern können.
Bewertung: 9/10
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